Bettina Klix:

Über Truffauts Film La Chambre Verte und das Recht, nicht zu vergessen

(…)
„Das aber kann ich nicht ertragen,
Daß so wie einst die Sonne lacht;
Daß wie in deinen Lebenstagen
Die Uhren gehen, die Glocken schlagen,
Einförmig wechseln Tag und Nacht;

Daß, wenn des Tages Lichter schwanden,
Wie sonst der Abend uns vereint;
Und daß wo sonst dein Stuhl gestanden,
Schon andre ihre Plätze fanden,
Und nichts dich zu vermissen scheint;
(…)
(Theodor Storm)

„Die Welt treibt fort ihr Wesen
Die Leute kommen und gehn
Als wärst du nie gewesen
Als wäre nichts geschehen“

(Joseph von Eichendorff)

Diesem Wunsch, einen Platz für die Toten unbedingt freihalten zu wollen, gegen den Widerstand der Welt, der in den beiden Gedichtauszügen schmerzlich zum Ausdruck kommt, ist ein ganzer Film gewidmet.
„Ich möchte das Recht haben, nie zu vergessen.“ Dieser Satz von Julien Davenne, der Hauptfigur des Films „Das grüne Zimmer“ (La chambre verte, 1978) von François Truffaut ist eine überraschende Forderung. Da sich dieses Recht auf die Toten bezieht, muss es sich irgendwann auch gegen die Lebenden richten. Eine junge Frau, die Davenne zu lieben begonnen hat, sagt einmal bitter zu ihm: “Sie lieben die Toten gegen die Lebenden.“ Auch sie trauert und widmet einen Teil ihres Lebens dem Andenken ihrer Toten. Doch Julien, der im ersten Weltkrieg viele Kameraden und kurz darauf seine Ehefrau verlor, kennt kein Maß. Darin folgt die Figur ganz der Grundidee einer Erzählung von Henry James The Altar of the Dead, erschienen 1895. James schreibt in seinem Tagebuch dazu, als er die Idee entwickelt: „Ich stelle mir einen Mann vor, dessen edle und schöne Religion in der Verehrung der Toten besteht. Das ist seine einzige Religion; sie ist seine Zuflucht und sein Trost.“ Truffaut hat diese Grundidee, die James selbst nur „hübsch“ nennt, genau umgesetzt, aber bei ihm kommt eine wachsende Verzweiflung des Protagonisten hinzu. Zur Ausgangsidee gehörte, dass der Mann für seine Toten einen Altar (außerhalb der Kirche) errichtet, wo für jeden eine ewige Kerze brennt. Im Film richtet Davenne eine im Krieg zerstörte Friedhofskapelle wieder her, er braucht dafür die Erlaubnis der Kirche, – man befragt ihn misstrauisch, aber erteilt schließlich widerwillig die Genehmigung. – Gerade in der Szene findet der Film seinen Höhepunkt – in Schönheit und Verzweiflung – , die auf der Idee basiert, die James im Tagebuch für „am wenigsten geeignet“ hält, „der Kern der Geschichte ist ganz einfach sein Gefühl, dass sein Altar, den er liebt und pflegt, nicht vollkommen ist – dass er das nicht sein und nicht werden kann, bis seine eigene Kerze dort brennen wird.“ Julien Davenne stirbt in seiner Kapelle und die junge Frau, für die er seine Toten nicht verraten wollte, zündet für ihn die letzte Kerze an.

Julien glaubt, dass er allein der Hüter der Ehre und des Andenkens der Toten zu sein hat, er verfolgt dies aber nicht nur im Hinblick auf die eigenen Verstorbenen, sondern er ist überzeugt, dass alle Toten nicht das Gedenken erhalten, das ihnen gebührt. Weil er offenbar den Glauben an Den verloren hat, der allein der Hüter ihrer Ehre und ihres Fortlebens ist, widmet er sich so verzweifelt seiner Mission. Als ein Freund seine junge Frau verliert, wirft er sogar den Priester aus dem Sterbezimmer! Er hindert aber den verzweifelten Freund am Selbstmord und legt ihm stattdessen dar, wie er ein Leben ganz im Gedenken an seine Verstorbene führen kann, wie kostbar dieses Leben sein könne und dass er seine Frau nun nie mehr verlieren werde. „Sie werden sehen, dass die Toten uns gehören, wenn wir ihnen gehören.“
Als dieser Freund sich aber bald darauf neu verheiratet, ist Davenne maßlos enttäuscht, dass die Tote so schnell ersetzt wurde; für ihn ist es schändlicher Verrat und er will den Freund und seine Neuvermählte nicht sehen. In den Räumen der Redaktion, in der er arbeitet, wo das Paar ihm einen Besuch abstatten will, versteckt er sich hinter einer Tür mit einer Milchglasscheibe und dahinter erscheint sein Gesicht selbst wie das eines Geistes. Genauer, es zeigt ihn in jener Zwischenwelt gefangen, die er zur einzig würdigen Zone erklärt hat. Er fühlt sich nicht mehr der Gemeinschaft der Lebenden zugehörig, sondern derjenigen der Toten, ist aber von ihnen durch seinen lebendigen Leib getrennt. Den Tod darf er nicht suchen, da er sich ja zu ihrem Wächter hier bestellt sieht. Das einzig feste Band ist die Verzweiflung und der Groll gegenüber den treulosen Lebenden.
Der Versuch, den Toten in dieser Welt einen Platz freihalten zu wollen, einen Platz, den sie ja nur als Lebende beanspruchen konnten, als Gast auf Erden, ist vergeblich. Aber Julien Davenne, auch weil er so zu Herzen gehend gespielt wird, vom Regisseur François Truffaut selbst, erscheint uns nicht nur einem Wahn verpflichtet. Er fordert etwas ein, was tatsächlich fehlt.
Aber er hat auch eine besondere Gabe. Sein Chefredakteur sagt über ihn, er sei „ein Virtuose im Verfassen von Nachrufen“. Die Zeitschrift, für die er dieses Talent nutzt, ist aber eine ebenfalls sterbende. Immer mehr Abonnenten des Globe sterben, der Chef zeigt ihm die zurückgeschickten Exemplare mit dem Vermerk „décédé.“

„Es ist Brauch im Judentum, bei zu starkem Erlebnis einer Trauer, zu sagen, es sei für den Verstorbenen nicht gut. Es wäre, als ob man an sein Jenseits und an das eigene Jenseits in der Dualität des Lebens nicht richtig glaubt.“ Der jüdische Denker Friedrich Weinreb macht hier geltend, dass die Grenze durchlässig sei und deshalb auch die Ehre der Toten nicht hier allein auf dem Spiel steht. „Für den Verstorbenen nicht gut“ – doch wenn der Hinterbliebene sich abgeschnitten fühlt, von der Welt, in der die Toten eine ganz andere Ehre haben, kämpft er an der falschen Front, – so wie Julien Davenne, der den realen Schützengraben nie wirklich verlassen zu haben scheint.
Friedrich Weinreb fährt fort: „Deshalb ist es auch Brauch, fast Vorschrift, die Leiche so schnell als möglich zu begraben. Man solle nicht am Diesseitigen des Verstorbenen haften, als ob er nur an dieser einen Seite des Lebens leben konnte und es für ihn weiter nichts gibt. Im Gegenteil, für ihn und für die Zurückgebliebenen gibt es dieses Jenseitige, und das ist ewig, ist immer. So gibt es auch den Brauch, das Gesicht des Toten zu bedecken. Nicht dieses Gesicht, nicht dieses Antlitz gilt jetzt, es ist jetzt das andere. Der in gewissen nicht-jüdischen Kreisen herrschende Brauch, im Sarg ein Fensterchen zu lassen, damit man bis zuletzt noch das Gesicht des Toten sehen kann, sagt eben aus, dass man eigentlich nur an dieses Leben hier glaubt, dass das andere etwas von diesem vollkommen getrenntes ist.“ Weinreb leugnet nicht das Verstörende des Ortswechsels und die Schwierigkeiten derjenigen, die zurückbleiben, dazu die richtige Haltung einzunehmen: „Der Tote, die Leiche im Sarg, im Grab, das vollständige Verschwinden aus der Gemeinschaft in der Welt, die Angst, dass er vergessen wird, die vermutete und gefürchtete Einsamkeit, das Unverständliche vom Ruhen in Frieden, vom Schlafen im Grab, all das ist schrecklich. Man kann es im Fließen der Zeit nicht verstehen…“
Aber er versucht zu beschreiben, wie Diesseits und Jenseits von der anderen Seite aus nicht mehr getrennt sind:
“Die Erfahrung von Gottes Liebe, Gnade, Güte und Gerechtigkeit ist ein radikales Gegenüber von allen unseren Gefühlen über diese Eigenschaften…Nicht eine Verlängerung des Lebens hier, nicht ein nach diesem Leben oder ein vor diesem Leben. Es ist ein Gegenüber diesem Leben. Aber, dieses Gegenüber ist sogar schon ein Teil unseres jetzigen Lebens…Dieses Hineinkommen ins Gegenüber ist der Schock. Alles von hier ist dort da, nur anders, frei, glücklich, nicht gebunden und nicht gefangen. Man sagt, manchmal zeigt das Gesicht des Verstorbenen eine große Überraschung. Man bedeckt es, und man weiß, sogar bis hier hinein kann sich diese Überraschung ausdrücken.“
Aber was geschieht, wenn dieses Gesicht nicht bedeckt, sondern gezeigt, ein Abdruck davon genommen wird? Ein Beispiel für eine solche Totenmaske, die einen Ausdruck der Überraschung zeigt, ist die des Dichters Reinhold Schneider. Das Gesicht eines tief gläubigen Christen, der aber sein Leben lang mit dem Zweifel, der Verzweiflung rang, und von sich selbst sagte, dass er jenes „Licht“, das „über die Welt“ ausgegossen sei, selbst nicht sehen könne – oder wie er sich ausdrückte, nicht „erreichen“ könne, er sieht aber in seiner Todesstunde aus, als würde er sich in diesem Licht „sonnen“. Die geschlossenen Augen wirken so dankbar. Sie müssen nicht mehr suchen.

Max Picard, der wie kein anderer das Menschengesicht erforscht hat, – wie es durch die Ebenbildlichkeit in den Kampf gestellt ist, vor die Entscheidung gestellt, immer nah am Abgrund,- hat auch über das Werk der Zeit am Gesicht geschrieben: Der letzte Moment eines Menschen im Diesseits ist ja nicht für die Blicke der Zurückbleibenden bestimmt. Picard beschreibt dieses Geheimnis der Abwendung so:„Es geschieht auch, dass die von einem Tag zum anderen herabfallende Zeit bei einem Menschen Stückchen für Stückchen des Inneren abbröckelt, bis schließlich am Ende der Zeit nur noch ein Rest übrig ist, mit dem der Mensch sich nirgendwo anders hinwenden kann als zu Gott…“

Der Text erschien in einer anderen, längeren Fassung unter dem Titel „Die Toten gehören uns nicht“ in der Zeitschrift „Fuge“, Nummer 16/17, Morbides Denken, 2016. Dieser Band wurde verantwortet von Jörg Schenuit und dem im letzten Jahr verstorbenen Übersetzer, Herausgeber und Autor Andreas Fliedner (1966-2025).

Literatur:
Max Picard, Die Grenzen der Physiognomik
Friedrich Weinreb, Gedanken über Tod und Leben

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