1. So etwas wie eine Filmkritik

Der Film ist sehr viel zur gleichen Zeit. Er erzählt unter anderem auch von der ersten Begegnung zwischen dem damals noch sehr jungen Anjan Dutt und dem berühmten bengalischen Filmregisseur Mrinal Sen (1923-2018). In dem Film wird er Kunal Sen genannt. Sen war auch seit dieser Begegnung der Mentor von Anjan Dutt. Es ist das Jahr 1980, als Sen dem Schauspieler und Theateraktivisten Anjan Dutt (in dem Film Ranjan Dutt genannt) zum ersten Mal eine Rolle in einem seiner Filme anbietet, Chaalchitra (Kaleidoskope). In diesem Sinne ist Chaalchitra Ekhon auch der zweite autobiographisch inspirierte Film von Anjan Dutt, der so ziemlich da beginnt wo Dutta Vs Dutta aufhört. Und unter anderem ist es auch ein Film über die Stadt Kolkata.
Man sieht ihnen bei der Arbeit des Filmemachens oder während langer Diskussionen zu. Neben den Diskussionen über die unterschiedlichen Weltanschauungen (Sen ein Marxist und Dutt ein Existentialist) gibt es private Momente wie Gespräche über ihre Familien. Unter anderem erzählt Sen dem jungen Schauspieler und Theateraktivisten wie er Filmemacher wurde. Diese Momente sind Hinweise darauf, daß die Beziehung zwischen diesen beiden Männern weit über die zwischen Mentor und Protégé hinausgeht. Tatsächlich waren beide bis zu Mrinal Sens Tod im Jahr 2018 eng befreundet. Der Film ist auch voller kleiner alltäglicher und poetische Momente, Miniaturen aus dem Alltags,- und Arbeitsleben der Protagonisten. Manchmal sind sie so stark, daß selbst die kleinsten Rollen für einen Moment als besonders wichtig erscheinen.
In seinen eigenen Filmen spielt Anjan Dutt oft sehr schwierige, entfremdete und gescheiterte Väter oder Vater-ähnliche Figuren. In diesem Film spielt er Kunal (Mrinal) Sen, wieder eine Vaterfigur aber so ziemlich genau das positive Gegenteil von dem gescheiterten Vater in Dutta Vs Dutta (wo Dutt hier bezeichnenderweise seinen eigenen Vater spielt), ein Aspekt, der diese beiden Filme verbindet und gleichzeitig unterscheidet.
Sawon Chakraborty spielt den jungen Ranjan (Anjan) Dutt. Dutt selbst spielt Mrinal Sen und seine Darstellung scheint fast vollständig aus seinen Erinnerungen an den Mentor und Freund entstanden zu sein. Da ist ein Blick auf kleine Gesten und Angewohnheiten mit sehr viel liebevollem Humor. Dabei kommt Anjan Dutt ohne aufwändiges Makeup und ohne Übertreibungen aus. Das entspricht übrigens auch der sehr zurückhaltenden Austattung. Die vergangene Epoche, die der Film zum Leben erweckt, ist gerade deshalb glaubwürdig. Das hat in den letzten Jahren eigentlich nur Anjan Dutt selbst mit seinem Dutta Vs Dutta (Kolkata in den 1970ern), Dominik Graf mit seinem eindrucksvollen Fabian oder der Gang vor die Hunde (Deutschland kurz vor der Machtübernahme der Nazis) oder Terrence Malick mit A Hidden Life (Deutschland und Österreich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs).
Sawon Chakraborty erscheint sehr glaubwürdig als der junge Anjan Dutt. Das ist schon allein darum bemerkenswert, da er sich ohne Hilfe von Erinnerungen in seine Figur ganz anders hineinarbeiten mußte. Und doch kommt er dem sehr nah, wie ich mir den jungen Anjan Dutt vorstelle. Es gibt unter anderem die sehr lustige Angewohnheit von Kunal (Mrinal) Sen in seiner Kurtatasche alle möglichen umherliegenden Streichholzschachteln einzusammeln. Als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte ich meinen Spaß an diesem besonderen Humor, der mich ein wenig an die Filme von Ford oder Ozu erinnert. Auf den ersten Blick habe ich noch nicht die Melancholie empfunden, die ich beim Sehen von Dutta Vs Dutta oder Aami Ashbo Phirey gespürt habe. Aber beim zweiten Sehen habe ich etwas mehr auf die Lieder (alle sind mit englischen Untertiteln übersetzt), von denen das letzte auch in Englisch gesungen wird. Die Lieder haben dann  meine Stimmung und das Verständnis für den Film vertieft. Hier werden sie im Sinne des Wortes filmisch eingesetzt und mit einer Präzision, die so ziemlich das Gegenteil von Filmen wie etwa Kenneth Branaghs Belfast sind, in dem viele der schönsten Songs von Van Morrison Morrison zur oberflächlichen Tondekoration verkommen.

Es gibt ganz unterschiedliche Verfremdungseffekte in diesem Film. Die einen, meistens sichtbar in den Szenen der Dreharbeiten, die, wie bei Sen üblich in ganz normalen realen Strassen, Gassen, Gebäuden der Stadt, in Autos oder Straßenbahnen spielen, und sind dabei oft mit einer ungekünstelten Handkamera aufgenommen. Manchmal friert das Bild zu einem Standbild ein, Bewegungen werden verlangsamt oder angehalten. Der Fluß der kinematographischen Illusion wird danei manchmal komplett aufgehoben. Diese Verfremdungseffekte erscheinen erst einmal als eine Referenz an die Filme von Mrinal Sen. Aber es gibt auch andere Verfremdungseffekte, die mir erst bei mehrmaligem Sehen aufgefallen sind, und die ich dann eher Anjan Dutt zuordne. Es sind die wunderbaren Songs von Anjan und Neil Dutt (der auch der Komponist des Films ist). Songs sind oft das populärste Element in den Filmen von Anjan Dutt (der wie sein Sohn Neel auch Musiker und Songwriter ist). Allerdings sind sie immer sehr sorgfältig in die Architektur der Filme eingewoben; als Koordinaten zur Orientierung in der künstlichen Raumzeit von Dutta Vs Dutta, eher experimentell und als eigene narrative Ebene in Aami Ashbo Phirey (Coming Home, 2018) oder in Finally Bhalobasha (2019). Die Texte der Lieder , die in Chaalchitra Ekhon verwendet werden, haben eine retrospektive Perspektive, von außerhalb der Zeit, in der der Film spielt. Auch die Lieder unterbrechen den Fluß des Films mit Bildern von Gassen, Märkten, Straßen und Flussufern. Die Texte erzählen auch manchmal (ohne Mrinal Sen explizit zu benennen) von der Trauer um den bereits gestorbenen Freund oder von ihrer gemeinsamen Faszination für diese Stadt, in der sich die beiden Männer „begegneten und schliesslich Abschied voneinander nahmen.“ In einem Lied singt Anjan Dutt von „den schlaflosen Nächten“ oder dem „Aufwachen, das sich wie ein Kater (Hangover) anfühlt“. Es ist das eigene Altern, das ihn an seinen Freund und Mentor Mrinal Sen erinnert. Irgendwie haben die Songs in Chaalchitra Ekhon eine ähnliche Funktion wie die von Anjan Dutt gesprochenen Voice over-Texte in Dutta Vs Dutta. Nach mehrmaligem Sehen von Chaalchitra Ekhon habe ich weniger gelacht. Der Film wird mehr und mehr zu einer Erinnerung an eine Zeit und besonders an den Verlust einer Person. Es ist mehr wie ein sehr persönlicher, poetischer und kinematographischer Nachruf. An die Menschen, die wir geliebt haben und die wir vermissen, erinnern wir uns manchmal auch mit einem Lächeln.

Es gibt da einen kleinen wunderschönen Moment, die einmal mehr zeigt, wie tief der Film in Kolkatas Stadtlandschaft verwurzelt ist: Kunal und Ranjan diskutieren über Schauspiel und die Gefahr des „Overacting“ auf Sens Balkon. Dann sieht man den Balkon von der Straße aus. Die beiden Figuren erscheinen nun selbst als lebender Teil dieser Stadtlandschaft. Das hat fast schon etwas von einem Edward Hopper-Gemälde.

2. So etwas wie eine Liebeserklärung

I celebrate myself and sing myself
And what I assume you shall assume
For every atom belonging to me
as good as it belongs to you
/Walt Whitman, Song of Myself from Leaves of Grass

Während des Schreibens über diesen Film habe ich eine Menge Kritiken und Kommentare zu diesem Film gelesen. Die meisten Reaktionen teilen meine Begeisterung für diesen Film, einige wenige davon sind eher zurückhaltend. Besonders die eher zurückhaltenden Reaktionen (mit denen ich nicht einverstanden bin) haben mich nachdenken lassen über ein generelles Problem in dem, zumindest in meinem Schreiben über Filme, das Urteilen und eine oft besserwisserische Perspektive. Was ist die angemessene Sprache für einen Film, den man mit Haut, Haar und Knochen liebt? Es ist relativ einfach für mich aus der sicheren Perspektive des Kritikers zu argumentieren, warum Chaalchitra Ekhon ein wunderbarer Film ist. Aber oft glaube ich, daß ich zu schüchtern bin Gefühle zu artikulieren, wenn ein Film mich viel tiefer berührt als die bloße Befriedigung des eitlen „Kenner“ in mir. Es gibt Filme, die rufen sehr starke Gefühle in mir hervor und diese Filme geistern in meinen Erinnerungen manchmal noch Tage, Wochen oder Monate herum oder tauchen ungerufen und plötzlich in meinem Bewusstsein auf. Solche Filme fragen nach einer viel persönlicheren Herangehensweise. Durch die Filme von Ritwik Ghatak und Terrence Malick (seit 1998) hat sich bei mir ein stärkeres Bewusstsein für Verletzlichkeit eingestellt und zwar Seite an Seite mit dem, was ich großartig nennen würde. Ich könnte andere Beispiele nennen, denke hier aber vor allem an die ungeschützten ausgelieferten Gesichter in den späten Filmen von Malick und fast allen Filmen von Ritwik Ghatak. Ähnliche Momente in Filmen, bei denen ich schnell die Kontrolle über meine Gefühle verliere und die sich in mein Gedächtnis einbrennen, sind die letzten Szenen von Dutta Vs Dutta und Chaalchitra Ekhon. Diese Gesichter, die mich verfolgen, scheinen nichts Arrangiertes, Gewolltes mehr zu haben  In meiner Erinnerung erscheinen sie wie bei Ghatak und Malick moderne Versionen von dem, wie Dreyer menschliche Gesichter in La passion de Jeanne D´Arc präsentiert. Diese Gesichter treffen mich gerade in ihrer Verletzlichkeit. Diese Erfahrung würde ich filmische Singularitäten nennen, starke Momente von Wahrhaftigkeit. Die Gesichter in Chaalchitra Ekhon, zum Beispiel die von Anjan Dutt und Sawon Chakraborty, sind ungeschützt – und das nicht zuletzt durch den nicht-menschlichen, genauen und erbarmungslosen Blick der Kamera. Ist die Erschöpfung, die wir in diesen Gesichtern sehen, gespielt? Ist es die Erschöpfung der Darsteller, oder vielleicht sogar beides zusammen?
Die Szene, wenn der junge Ranjan (Anjan) Kunal (Mrinal Sen) ungeschickt umarmt und in seinen Armen weint, ist eines dieser starken Momente, wo das Bewusstsein, einen Film zu sehen, für einen Moment fast gänzlich verschwindet. Es ist eine Geste der Zuneigung zwischen einem jungen und einem älteren Mann, den er sich als Vater gewünscht hätte und der ihm schliesslich hilft, seinen eigenen Weg zu finden.
Beim Sehen dieses Moments erscheint in meiner Erinnerung wie ein Phantombild die letzte Szene aus Dutta Vs Dutta. Vor dieser Schlussszene resümiert Dutts Stimme aus dem Off, daß kein Mensch aus seiner Familie jemals einen seiner Filme gesehen hat. Dann kommt diese andere Umarmungsszene. Hier spielt Anjan Dutt seinen wirklichen Vater ( im Film heißt der Biren) Der hat mittlerweile alles verloren und ist ein sehr kranker Mann, der sich kaum bewegen und nicht mehr sprechen kann. Die Beziehung des Sohnes (Ronno/Anjan Dutt´s Alter Ego als junger Mann) zu seinem Vater war sehr schwierig. Jetzt kann er nichts mehr tun, außer dieser verlorenen Seele zu vergeben mit einer letzten Umarmung, der letzten Liebesgeste, die er seinem Vater noch geben kann.

So geht es mir bei Anjan Dutts Chaalchitra Ekhon tatsächlich sehr ähnlich wie bei der großen emotionalen Wirkung, die auch die späten Filme von Terrence Malick oder die Trilogie von Ritwik Ghatak in mir auslösen. Sie lassen sich sehr schön mit Adjektiven oder Superlativen umschreiben, wie „große Kinomomente“ etc. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht so genau, was mich mehr fasziniert, die fertigen Momente dieser Filme oder das Spüren von der Hitze aus Kunst,- und Lebenserfahrungen, die sowas überhaupt möglich macht. Gerade die intensivsten Erfahrungen, die ich mit Filmen gemacht habe, zwingen mich dann zuzugeben, daß ich eigentlich überhaupt nichts mehr weiß. Bei einem Film wie Chaalchitra Ekhon kann man beides erleben, das fertige bereits geschmiedete Werk und gleichzeitig die Hitze, den Schweiß und das Leben, das diesen Film „geschmiedet“ hat. Und irgendwie ist Anjan Dutts bisher letzter Film auch ein konsequentes Stück Caméra Stylo, geschrieben und gefilmt wie gedacht und gefühlt und authentisch bis auf die Knochen.

Rüdiger Tomczak

(der Text basiert auf einen englischen Text von mir, weicht aber manchmal leicht vom Original ab.)

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