*
Die Übersetzerin hatte mir schon früher von einer originellen Buchhandlung erzählt, deren Tage leider gezählt sind, die aber dennoch bis zum Schluss eine besondere Art der Gastfreundschaft gewährt. Alle zwei Wochen wird eine Runde zusammengerufen, in der Lektüren der letzten Zeit vorgestellt werden, vom Inhaberpaar und den Gästen. Der Laden ist auf Comics und Graphic Novels spezialisiert, aber es dürfen auch andere Bücher vorkommen. Am kommenden Abend wollte die Übersetzerin vor allem deshalb teilnehmen, weil sie der Runde ihren Dank abstatten wollte: für fantasievolle Hilfe bei einer kniffligen Übersetzung aus dem Englischen. Es brauchte dafür Spezialwissen, das durch Mehrere aus dem Kreis bereitgestellt worden war – und auch Ermutigung, einige unübersetzbare Begriffe für besondere Wesen der Welt des Buches aus der Originalsprache zu übernehmen. Nachdem dieses schwierige Unternehmen abgeschlossen war, wünschte die Übersetzerin den glücklichen Ausgang dem Helferkreis mitzuteilen. Diese Menschen stellte ich mir ebenso erfindungsreich hilfsbereit wie die Übersetzerin selbst vor, hatte aber keine bildliche Vorstellung, ich sah sozusagen eine Wolke von Emsigkeit und gutgelaunten wichtelnden Bewegungen vor mir, eben guten Geistern, wie sie in der Fantasywelt ja auch anzutreffen sind, – wenn es grade gut läuft. Neben mir auf dem Sofa saß ich zufällig auch neben einer dieser freundlichen hochbegabten und überspezialisierten Wesen, die damals geholfen hatten, vom Typ Elfen-Nerd, auch wenn sie nicht schmächtig war, mit ihrer feinen Stimme und ihrer Hochgestimmtheit von einem Fantasybuch schwärmend.
Zuerst hatte der Chef der Buchhandlung zwei Bücher vorgestellt, dann ging es unsortiert weiter. Eine junge Frau, Typ ruppiger Nerd, stellte mehrere Bücher über den Massenmörder Ed Gein vor, wenn ich mich richtig erinnere aus der Bücherei entliehen, flapsig, ironisch, sie als Ihre „Ferienlektüre“ bezeichnend, Befremden einkalkuliert. Sie begann mit dem, was sie als halb bei uns schon vorhandenes Wissen voraussetzen konnte: Dieser Mörder und Grabschänder war das Vorbild für unzählige fiktionale Bearbeitungen, prominenteste sind „Psycho“ von Hitchcock und „Das Schweigen der Lämmer“. Ihre Beweggründe wurden nicht deutlich, sie schien sich selbst nicht richtig ernst zu nehmen, alles war wie in Anführungszeichen, gleichzeitig war sie beflissen, seinen Namen korrekt amerikanisch auszusprechen und nicht wie im Deutschen. Dies wirkte auf mich geradezu aufreizend. (Die Übersetzerin, die ich später fragte, ob die junge Frau zuvor schon solche Interessen offenbart habe, konnte sich nicht erinnern, dass sie bisher „auffällig“ geworden sei.)
Der Moderator schien sich auch nicht so recht wohl zu fühlen. Er fragte „Wer hat etwas Ähnliches oder…“ „Das Gegenteil!“, rief ich, vielleicht wiederholte ich es auch, weil er es hoffnungsvoll schon gesagt hatte. Bekümmert stotterte ich zuerst ein bisschen herum in meinem Entsetzen. Da ich nur eine einzige Graphic Novel jemals rezensiert hatte, hatte ich diese an dem Abend mitgenommen und die alte Besprechung vorsorglich ausgedruckt. Es war Moritz Stetters „Bonhoeffer“. Ich las sie dann vor. Und während des Vorlesens erschauerte ich vor diesem Abgrund, der mir doch seit Jahrzehnten so gut bekannt ist. Weil ich mich mit der Zeit des Nationalsozialismus intensiv beschäftigt habe, so dass ich inzwischen viele der Zeugen genauer kenne, aber auch die Verbrecher, die sie zur Zeugenschaft herausforderten. Was könnte es wohl geben was weiter entfernt voneinander wäre als ein Märtyrer und ein Mörder!? Doch ist dies gerade in unserer Zeit wieder eine so angefochtene Unterscheidung.
„Dietrich Bonhoeffers Theologie ist nicht von seinem Leben und Sterben und nicht von der Zeit, in der er wirkte, zu trennen. Deshalb ist das Medium der Graphic Novel sehr geeignet, um emotional Verbindung zu diesem Menschen aufzunehmen. Gerade auch, wenn wir ihn durch viele seiner berühmten Sätze zu kennen glauben. Von Moritz Stetter werden die Worte in den historischen Zusammenhang gestellt und markieren besonders Momente der Einsicht und Umkehr in Bonhoeffers Leben. Großartig wie der Rundfunkvortrag in Szene gesetzt ist, den der Theologe Anfang Februar 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin hielt, mit dem Thema „Der Führer und der einzelne in der jungen Generation“. Stetter hat daraus eine zentrale Stelle ausgewählt, nach der die Übertragung abgebrochen wurde, weil der Bezug klar wurde: „Der Mensch und insbesondere der Jugendliche wird so lange das Bedürfnis haben, einem Führer Autorität über sich zu geben, als er sich selbst nicht reif, stark, verantwortlich genug fühlt, den in diese Autorität verlegten Anspruch selbst zu verwirklichen. Der Führer wird sich dieser Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewusst sein müssen. Versteht er seine Funktion anders, als sie in der Sache begründet ist, gibt er nicht dem Geführten immer wieder klare Auskunft über die Begrenztheit seiner Aufgabe und über dessen eigenste Verantwortung, lässt er sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.“ Oben auf dem Blatt sieht man Bonhoeffer vor dem Mikrofon, den größeren Teil nehmen Szenen der Machtergreifung ein, aber auch Bilder der von Hitler begeisterten Deutschen Christen, die im letzten Alptraumbild auf Hitler zufliegen. Ungewöhnliche Bildfindungen, die zwischen Zeichnung, Gedankenbild, Foto, Karikatur, und Filmstandbild wechseln, führen uns atemlos durch diese Biographie. „Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.“ So resümiert Bonhoeffer im Gefängnis, als er sich an seinen jugendlichen Wunsch „Ich möchte glauben lernen.“ erinnert. Dieses großartige Buch lässt uns daran teilhaben.“
Moritz Stetter, Bonhoeffer, Graphic Novel, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2010, 112 Seiten, 14,99 €