Dreharbeiten 36 Chowringhee Lane

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Vom 25. bis zum 28.4. 2024 fand in Wien das Red Lotus Asian Filmfestival statt. Am 26. 4. wurde Aparna Sen der Red Lotus Lifetime Achievement Award verliehen. Den Vortrag habe ich (in Englisch) am 26. 4 im Stadtkino im Künstlerhaus Wien gehalten, anläßlich der Vorführung des Dokumentarfilms Parama: A Journey with Aparna Sen, von Suman Ghosh. Die Preisverleihung fand in Abwesenheit von Aparna Sen statt.

Guten Tag.
Ich habe heute das Vergnügen und die Ehre in die Filme der bengalischen Filmregisseurin Aparna Sen einzuführen und dieses Werk zu feiern. Über ihre Filme habe ich in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder geschrieben. In dem Dokumentarfilm Parama: A Journey with Aparna Sen von Suman Ghosh werden Sie gleich einen guten Überblick über die vielen Facetten ihrer Persönlichkeit; als Künstlerin, Schauspielerin, und als politische Aktivistin bekommen. Ich selbst werde mich vor allem auf ihre Arbeit als Filmemacherin konzentrieren.

Aparna Sens erster Film 36 Chowringhee Lane (1981) erzählt von der alternden Anglo-Indischen Lehrerin Violet Stoneham, und führt auch gleichzeitig ein in die oft einsamen und sehr isolierten Frauen, die wir in ihren Filmen immer wieder finden werden. In diesem Film ist Miss Stoneham auch gleichzeitig eine Repräsentantin der verschwindenden Minderheit der Anglo-Inder, die sowohl während der britischen Kolonialherrschaft, als auch nach der Unabhängigkeit Indiens diskriminiert wurden. Der Film hat zugleich auch eine neue Stimme in das Indische Kino eingeführt: Aparna Sen, damals noch eine junge Frau, hat mit ihrem ersten Film eines der schönsten aber auch ergreifendsten Filmgedichte über das Altern und die Einsamkeit gemacht, das die Filmgeschichte hervorgebracht hat.

Aparna Sen bezeichnete ihren zweiten Film Parama (1985) (1) als den „feministischsten“ ihrer Filme. Hier geht es um eine frustrierte Frau in mittlerem Alter aus der bengalischen Mittelklasse, die eine Affäre mit einem anderen Mann hat. Zur Zeit, als der Film in die (indischen) Kinos kam, habe ich gelesen, waren einige Leute, besonders Männer, darüber pikiert, daß die Heldin eine Ehebrecherin ist. Seltsamerweise war meine Sympathie immer auf der Seite Paramas und zwar schon ziemlich am Anfang des Films. Was ein Teil des zeitgenössischen Publikums wohl übersehen hat ist, daß sich Parama durch die Räume bewegt wie eine Gefangene, fast schon wie ein unglücklicher Geist, der immer in Gefahr ist, völlig zu verschwinden. Ihre Eskapade ist weniger Ehebruch aber der verzweifelte Versuch sich als Mensch neu zu definieren. Andererseits gibt es in dem Film einen subtilen, aber sehr starken Moment mit Paramas Ehemann auf einer weit entfernten Geschäftsreise. Die Art, wie er auf seine Sekretärin blickt deutet einen bereits sexualisierten Blick an. Und es besteht wenig Zweifel, daß er bereit wäre, seine Frau zu betrügen, wann immer sich eine Möglichkeit böte. Wenn man Parama einen feministischen Film nennt, sollte man das nicht tun ohne auf seine filmische Ästhetik einzugehen. Aparna Sen macht niemals Filme als Vehikel für Ideologien, sie übersetzt ihre Ideen immer in eine eigene filmische Sprache. Die Wahrnehmung von Realität oder wie unterschiedlich diese Wahrnehmung von Wirklichkeit bei verschiedenen Personen sein kann, ist eine der Kernthemen in ihrem ganzen Werk. In der Tat hat das hier sowohl mit dem feministischen Aspekt des Films zu tun als auch mit einer fundamentalen Frage zum Kino. Wenn es in der Filmgeschichte so etwas wie Gerechtigkeit gäbe, dann würde man Parama im gleichen Atemzug als bahnbrechenden feministischen Film erwähnen wie Barbara Lodens Wanda oder Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23, quai de commerce, 1080 Bruxelles.

Mit ein wenig Panik wird mir bewußt, daß ich gerade erst über ihren zweiten Film rede und kaum in der Lage sein werde, über alle Filme zu reden. Schweren Herzens sollte ich zumindest ihren Film Sati (1989) erwähnen, der mich in seinem düsteren Blick auf die Welt ein wenig an die Filme von Erich von Stroheim erinnert, ähnlich wie ihr apokalyptisches Meisterwerk Yugant (What the Sea said, 1995). Yugant ist ein Film über eine Künstlerin, die sowohl mit ihrer Ehe, als auch für ihre Unabhängigkeit als Künstlerin inmitten einer Welt der Zerstörung und Umweltverschmutzung kämpft. Es ist vielleicht Aparna Sens pessimistischster Film. Paramitar Ek din (House of Memories, 2000) zeigt einmal mehr, daß Aparna Sen eine großartige Geschichtenerzählerin ist. In diesem Fall wird der Film in verschiedenen Zeitebenen erzählt. Das Springen zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist auch eine ihrer grandiosen Erzählstrategien in Filmen wie Iti Mrinalini (An Unfinished Letter, 2010), oder 15, Park Avenue ( 2005). Im übrigen erzählt Paramitar Ek Din auch von einer der zärtlichsten Freundschaften zwischen Frauen an die ich mich erinnern kann.

Ich sympathisiere mit den feministischen Aspekten ihrer Filme. Allerdings spüre ich die Notwendigkeit, immer wieder auf ihre großartigen Fähigkeiten in der Kunst des Filmemachens hinzuweisen; ihre sorgfältig komponierten Bilder, oder ihre raffinierten Arrangements filmischer Räume.    (2002) (2) ist ein Film über lokale Unruhen UND ein Feuerwerk von hochentwickelten filmischen Ideen. Darum würde ich vorschlagen, daß man über Aparna Sen als Filmemacherin mit der selben Selbstverständlichkeit reden sollte, wie über Godard, Malick, Ozu, Ford, Ray, Ghatak, Scorsese, Hitchcock, Renoir- und viele andere.

Aparna Sen hat einmal so etwas gesagt wie „alle große Kunst ist androgyn“, ein Satz der mich viele Jahre beschäftigt hat. In einem ihrer schönsten Filme The Japanese Wife (2010), sehen wir zum ersten Mal in ihrem Werk einen Mann als zentralen Charakter. Der ist aufgewachsen, geformt und umgeben von Frauen. Wenn es so etwas wie ein männliches Pendant zu der leidenschaftlichen und tragischen Liebende in Max Ophüls´ Madame de (gespielt von Danielle Darrieux) gibt, dann ist das Rahul Boses Snehamoy in The Japanese Wife!

In den letzten Jahren hatte ich viele Gespräche mit indischen Freunden, Männern wie Frauen über Aparna Sen. Während ich sie begeistert als eine der von mir am meisten bewunderten lebenden Filmregisseurinnen feierte, habe ich in diesen Gesprächen auch gelernt, warum sie so etwas wie eine Identifikationsfigur für viele bengalische Frauen ist; als Aktivistin, die sich für Frauenrechte aber auch Menschenrechte im Allgemeinen einsetzt, ihre Ermutigung für die Emanzipation der Frau, ihre Arbeit als Herausgeberin der Frauenzeitschrift Sananda (1986-2005) und auch als Schauspielerin in kommerziellen und unabhängigen Filmen gleichermaßen.

Was ihre Filme über die Kultur erzählen, die sie hervorgebracht hat, oder über den fatalen Zustand der Welt läßt mich oft geschockt, sprachlos und mit gebrochenem Herzen zurück. Aber in ihnen gibt es auch immer wieder Momente von Schönheit und Hoffnung, Spuren von Glück, manchmal sogar Humor wie in Goynar Baksho (Das Schmuckschatulle, 2013) oder in diesem Aufeinanderprallen von Komödie und Tragödie in The Japanese Wife (2010).

Wenn von Filmemachern geredet wird, die auch für ihre Cinephilie bekannt sind, werden oft Regisseure wie Martin Scorsese, Peter Bogdanovich oder Wim Wenders erwähnt. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern wäre bei mir Aparna Sen der erste Name, der mir da einfallen würde,   und zwar nicht nur durch ihr Aufwachsen, das schon durch frühe Filmbegeisterung (3) geprägt wurde. Nicht, daß sie jemals viel Aufhebens über ihrer sehr frühe Filmbildung gemacht hätte, oder daß ihre Filme voll von sichtbaren Zitaten aus der Filmgeschichte wären, die zumindest ich in keinem ihrer Filme entdeckt habe. Aber mich verfolgen immer wieder viele Momente aus ihren Filmen, die mir für immer unvergeßlich bleiben werden. Ich erwähne einige Beispiele: Meenakshi singt in Mr. And Mrs. Iyer ein Schlaflied für ihr Baby. Dieser kleine Moment hat die Schönheit eines japanischen Haikus; in der Adaption von Tagores berühmtem Roman The Home and The World, Ghawre Bairey Aaj (The Home and the World today, 2019) verlegt sie die Handlung des Romans in die Gegenwart Indiens, die von der rechtsextremen Hindu-fundamentalistischen Partei BJP regiert wird. Es ist eine ihrer verstörendsten Filme und auch einer der wenigen wirklich mutigen politischen Filme der letzten Jahre. Hier gibt es aber auch eine Versöhnungsszene, die hat die Anmut eines Duetts in einer Mozart-Daponte Oper. Es gibt einen Ausflug am Strand von einer Mutter mit ihrer Tochter in Iti Mrinalini (An Unfinished Letter, 2010), die hat die Grazie eines Films von Jean Renoir oder Terrence Malick. Das sind Momente reiner filmischer Poesie und die können nur von einer Person kommen, die das Kino innig liebt.

Am Ende meiner Rede wenn Aparna Sen der RED LOTUS Lifetime Achievement Award 2024 verliehen wird, möchte ich noch einmal meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß ihre bemerkenswerten Filme eines Tages in einer kompletten Retrospektive zu sehen sein werden – und möglichst mit den besten Kopien ihrer Filme, die zur Verfügung stehen. In Parama: A Journey with Aparna Sen werden sie einige Auszüge aus ihren Filmen sehen. Ich hoffe, daß der Film von Suman Ghosh viel Interesse für die Filme von Aparna Sen erwecken wird. Die Filme verdienen es.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Vielen Dank, Aparna Sen für ihren Beitrag zum Indischen und Internationalem Film. Herzlichen Glückwunsch Madam!

Rüdiger Tomczak,

Anmerkungen
1.In einigen Versionen dieses Manuskripts ist die Entstehungszeit des Films Parama falsch angegeben. In dem Text, den ich dann wirklich vorgetragen, war die Jahreszahl korrekt, 1985.
2. Ich war selbst ein wenig überrascht, daß ich ausgerechnet meinen heissgeliebten Film Mr. And Mrs. Iyer eigentlich nur zweimal kurz erwähne. In einer früheren Version des Manuskripts, den ich aus unterschiedlichen Gründen gestrichen habe, gehe ich etwas ausführlicher auf Konkona Sensharmas Rolle als Meenakshi ein, unter anderem auch in wie fern sie sich einreiht in die einsamen und isolierten Frauenfiguren Aparna Sens, aber auch wo sie sich gerade von den hoffnungslosen und traurigen Frauenfiguren aus Aparna Sens ersten drei Filme unterscheidet. Ein anderer Grund warum ich dieses Kapitel gestrichen habe war, daß die Zusammenarbeit zwischen Aparna Sen und ihrer Tochter Konkona Sensharma eigentlich ein eigenes Kapitel in der weiteren Erforschung ihrer Filme wäre.

3.Aparna Sen ist die Tochter des Filmkritikers Chidananda Dasgupta 1921-2011). Dasgupta war nicht nur einer der wichtigsten Filmkritiker Indiens, sondern auch einer der Begründer der legendären Indischen Filmclub-Bewegung. Nach eigenen Aussagen kam Aparna Sen bereits im Kindesalter mit Film in Berührung. Aparna Sens eindrucksvolle Entwicklung als Filmemacherin erklärt das natürlich noch lange nicht.

Den einzigen Spielfilm von Aparna Sen, den ich noch nicht sehen konnte, ist ihr bisher letzter Film The Rapist (2021). Der lief bisher nur auf Filmfestivals, unter anderem in Busan/Südkorea, wo er auch einen wichtigen Preis gewonnen hatte. Die wenigen, die ich kenne und die den Film gesehen haben, waren begeistert. Aus Gründen, die mir nicht klar sind, weigern sich die Produzenten den Film zu veröffentlichen, weder als Kinostart noch als Video on Demand. Das passiert wohl öfter in Indien und gibt leider ein sehr düsteres Bild, wie das Land mit seinen wunderbaren Filmemachern umgeht.

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