zur Erinnerung an meine Brüder Hans-Joachim, Detlev und Martin

Ein faszinierendes Phänomen in der jüngeren Filmgeschichte sind die autobiographischen oder zumindest stark autobiographisch beeinflussten Filme einiger mehr oder weniger berühmten Regisseure. Die gibt es in fast allen Erscheinungsformen des Films; Spielfilme,Kurzfilme oder Dokumentarfilme. Den „Prototyp“ des autobiografischen Erzählkinos gab es bereits 1985 mit Hou Hsiao Hsiens Tong nien wangshi (A Time to Live and a Time to Die). Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von diesen Filmen, unter anderem von Terrence Malick, James Gray, Yang Yong-hi oder Anjan Dutt. Zwei der jüngeren Beispiele sind James Grays wunderbarer Armageddon Time und Steven Spielbergs bezaubernder The Fabelmans. Die Filme von James Gray und Steven Spielberg haben lediglich das Milieu der Jüdisch-amerikanischen Mittelklasse gemein. Wo Grays Film eher nüchtern eine Jugend unmittelbar vor der Reagan-Ära beschreibt, ist Spielbergs Film fast schon eine Apotheose des Kinos. Die meisten dieser Filme sind fast immer „Coming of Age-Filme“. Der Weg ins Leben dieser Protagonisten hat nicht nur Schnittstellen mit anderen autobiographischen Filmen, sondern auch mit unseren Erfahrungen. Dabei unterscheiden sie sich vor allem in der Form und im Erzählstil. Das ist ein bisschen wie bei den Erzählungen von Freunden oder Verwandten, wobei jeder, die sich oft überschneidenden Anekdoten ganz anders erzählt. Wichtig ist, daß jeder, der von seinem Leben erzählt, dies in einer eigenen unverwechselbaren Art tut. Das kann man auch in den Filmen der genannten Regisseure sehen. Grays lakonischem Armageddon Time, Hou´s sehr melancholischen Tong nien wang shi, Terrence Malick´s requiemhafter The Tree of Life oder eben die tragikomischen Filmerzählungen wie Steven Spielbergs The Fabelmans oder Anjan Dutts Dutta Vs Dutta. All diese Filme erlebt man nicht nur als sehr persönlich, sondern auch als Erzählungen über Menschen in einer bestimmten datierbaren Zeit und verortet in einer ganz konkreten kulturellen und geographischen Landschaft wie zum Beispiel die in den Dokumentarfilmen der Koreanerin Yang Yong-hi (Dear Pyongyang).

Eigentlich habe ich Steven Spielberg für mich erst Anfang der 2000er Jahre für mich entdeckt. Vorher mochte ich seine Filme nicht. Im Laufe der Jahre habe ich die meisten seiner Filme schätzen (einige davon mittlerweile sogar lieben) gelernt. Das wäre noch mal eine ganz andere Geschichte.
The Fabelmans ist einer der schönsten Filme über das Wechselspiel zwischen dem Erleben eines Moments und der Erinnerung an vorhergehende Momente. Klar kann man, wenn man will, viele Zitate aus Spielbergs Filmen erkennen und den Film als ein sehr schönes, entspanntes Summing-up genießen. Allerdings erscheint mir die episodische Struktur, die den Film wie eine Sammlung von zusammenhängenden Kurzfilmen erscheinen läßt, für einen Film von Spielberg schon eher ungewöhnlich. Ähnlich beeindruckt hat mich sonst nur ein anderes Meisterwerk von ihm, Lincoln, der so etwas wie Spielbergs Pendant zu Kubrick´s Barry Lyndon ist.
Jede Episode in dem Film steht für wichtige einschneidende Ereignisse im Leben von Sammy Fabelman/Steven Spielberg. Eines der Wunder dieses Films ist, daß man nicht nur am Leben der Figuren teilnimmt, sondern sich auch mit ihnen immer wieder erinnert. Das ist fast so, als spüre man die Zäsur wenn eine gerade betrachtete Szene bereits zu einer Erinnerung wird. Erst am Ende, wenn man den wahnwitzigen Versuch macht, all die großen Kinomomente in diesem Film aufzuzählen, merkt man wie sehr verdichtet die 145 Filmminuten sind, und daß die Montage dieses Films alles andere als konventionell ist. Der Film erscheint dann wahrlich als ein riesiges Archiv von Erinnerungen. In meiner früheren Ignoranz Spielbergs Filmen gegenüber habe ich den Regisseur immer als Blender, als Meister der Manipulation betrachtet. Eine der Bewegungen in The Fabelmans ist immer das Zeigen und dann auch wie etwas gezeigt wird.
Die erste Szene des Films erzählt von so etwas wie dem cinephilen Urerlebnis Spielbergs, dem ersten Kinobesuch des kleinen Sammy. Während die Mutter ihm ein magisches Erlebnis verspricht, erklärt der Vater ihm das technische Prinzip des Kinos. Das ist auch eine schöne Einführung in die Faszination des jungen Spielberg für das Kino, das Interesse an den Maschinen, die Kino möglich machen, aber auch an der Magie, die sich damit erschaffen läßt. Im Kino sehen sie The Greatest Show on Earth von Cecil B. De Mille. Das Kino ist groß und bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Szene in der es ein großes Zugunglück gibt, bei dem mehrere Wagons entgleisen, traumatisiert das Kind. Zum Chanukka-Fest schenkt ihm der Vater eine Modelleisenbahn, die der Junge dann immer wieder entgleisen läßt. Um die Modelleisenbahn zu schonen, empfehlen ihm die Eltern das nachgespielte Zugunglück einmal zu filmen. Er könne sich dann den Film immer wieder ansehen. Während man denkt, das sei eine typische schon wieder konventionelle Einführung in die Kindheit eines berühmten Filmregisseurs, erfährt man fast beiläufig eine Menge über die Familie. Der Vater ist Computeringenieur, die Mutter eine Pianistin. Da der Vater wegen seines Berufes oft den Wohnort wechseln muß, wird die Familie oft umziehen müssen. Daher verwenden sie auch an jüdischen Festtagen und Familientreffen ausschliesslich Einwegbesteck und Papiertischdecken. Die Karriere der Mutter als Pianistin scheitert letztendlich an den häufigen Umzügen.
Wenn Sammy dann seine ersten Filmversuche unternimmt und sie dann erst der Familie vorführt oder Jahre später seinen Schulkameraden oder Pfadfinderfreunden, werden immer wieder diese Maschinen, die Kino ermöglichen, gezeigt. Die Kamera, die Tricks, die Montage und schliesslich die Projektion.
Auch wenn es hier um Spielbergs Kindheits,- und Jugenderinnerungen geht, kann der Film nicht nur die eigenen schon fast mythischen Erinnerungen an die ersten Kinobesuche hervorrufen. Wie bei vielen großen „Coming of Age“-Filmen fühle ich mich hier mit meinen eigenen Erinnerungen beim Sehen dieses Films gut aufgehoben. Obwohl der Film reich an unvergeßlichen Momenten ist, fließt er eher sehr entspannt vor sich hin. Wenige dramatische Erlebnisse wie der Tod der Großmutter oder die Scheidung der Eltern wechseln sich mit komischen Ereignissen ab und umgekehrt. Das Fortschreiten der Zeit geschieht mal mit kleinen, manchmal aber auch mit großen Zeitsprüngen. Die Episoden, aus denen der Film zusammengesetzt ist, mögen zwar oft komisch sein und man lacht in diesem Film vielleicht mehr als daß man weint – und dennoch ist immer wieder eine seltsame Melancholie über das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit zu spüren. Je mehr der Film sich fortbewegt, umso mehr mischen sich in dem Erleben der einzelnen Momente immer wieder Erinnerungen an bereits vergangene Momente.

Michele Williams als Sammy´s Mutter Mitzi ist vielleicht eine der komplexesten und eindrucksvollsten Frauenfiguren in Spielbergs Filmen. Das kommt nicht ganz so überraschend, denn sein vorheriger Film West Side Story hat sich vor allem auf seine drei weiblichen Figuren konzentriert. In    wird Mitzi regelrecht zerrieben zwischen ihren verschiedenen Rollen als Mutter, Ehefrau und Künstlerin. Die vielen Umzüge hindern sie auch daran ihre Künstlerkarriere wirklich auszuleben. Gerade Michele Williams Darstellung gehört für mich auch zu den schönsten und ergreifendsten Aspekten des Films. Mittlerweile ist die Familie mal wieder umgezogen, diesmal nach Arizona. Die Karriere des Vaters, so liebenswürdig er auch sein mag, und auch die Entwicklung des Jungen, der später einmal ein berühmter Regisseur werden sollte, all das geschieht auf Kosten der Karriere von Mitzi. Sammy dreht mittlerweile mit seinen Pfadfinderkameraden weitere Amateurfilme. Irgendwann unternimmt die Familie einmal einen Campingausflug. Auch Bennie, ein Freund der Familie ist mit dabei. Am Lagerfeuer singen sie russische Lieder (Spielbergs Vorfahren waren russische Juden) und parodieren diese Lieder dann. Als Mitzi angetrunken zu tanzen anfängt, fordert Bennie Sammy auf, das zu filmen. Als Beleuchtung dient ein Autoscheinwerfer. Für einen Moment wird diese facettenreiche Figur ganz zu einer Projektion aus Licht. Das ist ein Moment, der völlig entrückt ist von der komplexen Realität dieser Figur, die hier fast zu einem der Lichtwesen von Spielbergs frühem Meisterwerk Close Encounters wird.

Nach dem Tod ihrer Mutter wird Mitzi depressiv. Um sie aufzumuntern, bittet der Vater Sammy, den Campingfilm zu schneiden. Widerwillig macht er sich an die Arbeit. Hier gibt es eine Abfolge von drei Einstellungen, die lange vor der Scheidung der Eltern auf die Auflösung der Familie hinweist und die Einsamkeit der einzelnen Familienmitglieder andeutet. Sammy schneidet konzentriert an dem Campingfilm, allein. Die Mutter spielt Klavier, allein. Niemand scheint ihr zuzuhören. Der Vater ordnet seine Aufzeichnungen, allein. Obwohl alle drei Personen im selben Haus sind, erscheinen sie in diesen drei Einstellungen fast voneinander isoliert. Die Montage von Spielberg, den man oft als Meister der alten Schule bezeichnet, erscheint hier alles andere als konventionell. Die Weise wie diese drei kurzen Momente auf die Entfremdung und die beginnende Auflösung der Familie hinweisen, hat fast schon etwas von Ozu.
Beim Schneiden des Campingfilms erkennt Sammy Dinge, die ihm bisher verborgen geblieben sind. Unter anderem sind es fast zärtliche Interaktionen zwischen seiner Mutter und Bennie. Das verstört Sammy sehr und für die nächsten Szenen ist sein Verhältnis zur Mutter gestört. Er rebelliert und nach einiger Zeit ist Mitzi überfordert davon und schlägt ihn auf den Rücken. Als sie sich entschuldigt, zeigt er Ihr die Szenen, die er aus dem fertigen Campingfilm herausgeschnitten hat. Er ist allein mit ihr in einem Kleiderklosett, das als Vorführraum dienen soll. Mitzi ist fassungslos und er verspricht ihr, diese herausgeschnittenen Szenen niemandem zu zeigen. Die Aussprache und anschliessende Versöhnung zwischen Mutter und Sohn gehört zu den schönsten Momenten eines „Coming of Age-Films“, an den ich mich erinnern kann, irgendwo zwischen der Bonsai-Szene in Ozu´s Dekigokoro (Eine Laune) oder dem Mutter-Tochter Konflikt in Rituparno Ghosh´s            .

Der letzte Teil des Films (die Fabelmans sind wieder einmal umgezogen, diesmal nach Kalifornien) erzählt von dem letzten Highschool-Jahr von Sammy, dessen Schwestern auf die gleiche Schule gehen. Bevor das neue Haus bezugsfertig ist, lebt die Familie vorerst in einem angemieteten, etwas kleinerem Haus. Auf den ersten Blick wirkt dieses letzte Kapitel wie ein Fremdkörper. Seit dem Umzug hat Sammy aufgehört zu filmen. Weder Mitzi noch die Kinder sind glücklich mit diesem erneuten Umzug und die Familie bekommt weitere Risse. Erst gegen Ende des Schuljahres wird Sammy wieder die Kamera in die Hand nehmen um den „Ditch Day“ für die Abschlussfeier zu filmen. Vorerst scheint Sammy diesmal der neuen Umgebung schutzloser ausgeliefert zu sein. Er muss antisemitische Anfeindungen erdulden, die manchmal auch in Gewalt ausarten. Aber er erlebt auch seine erste Liebesgeschichte (Chloe East als herrlich überdrehte Christin Monica). Da Sammy hier zu sehr mit Leben und Überleben beschäftigt ist, die sich auflösende Familie wenig Rückhalt gibt, und er die Kamera als seinen ganz persönlichen Kompass zur Zeit nicht benutzt, erscheint dieses letzte Kapitel zunächst noch mehr als die anderen Episoden wie ein eigener kleiner Film. Beim Umzug in das nunmehr bezugsfertige neue Haus gibt es eine kleine, privaten Super 8-Filmen nachempfundene Sequenz. Das Chaos zwischen Umzugskartons und Räumen, in denen noch nicht wirklich gewohnt wird; hier ist es das Arrangement von leblosen Dingen, die über den Zustand der Familie erzählt. Als das Schuljahr zu Ende geht, verkünden die Eltern schliesslich ihre Scheidung. Mitzi wird mit den Töchtern wegziehen und Sammy wird beim Vater bleiben. Die Musik von John Wiliams erscheint in The Fabelmans wie eine nicht ausgesprochene Erinnerungen eingewebt. In The Fabelmans (die einzelnen Titel der Musikstücke klingen selbst wie Erinnerungen) gibt es zwei fast identische Themen, die nur unterschiedlich instrumentiert sind. Eines davon heißt „Mother and Son“. Es taucht beim letzten Erscheinen von Mitzi in dem Film und schliesslich noch einmal im Abspann auf.

Der Epilog ist Spielbergs Erinnerung an seine erste Begegnung mit John Ford gewidmet. Der junge Mann, der immer wieder an unter Panikattacken leidet, bekommt zufällig die Möglichkeit, eines seiner Idole kennen zu lernen. Die Geschichte kannte ich schon aus einem Videointerview mit Spielberg, in dem er auch die Stimme Fords imitiert. In dem Film hat er schliesslich David Lynch für die Rolle des John Ford gefunden und somit eine wahrhaft geniale Lösung gefunden. Bevor ich den Film gesehen habe, war dieser Ausschnitt bereits im Internet zu finden. Isoliert von dem Film fand ich das erst einmal sehr komisch, im Kontext des Films erschien sie mir allerdings eher traurig und auch ein wenig unheimlich. Die Begegnung zwischen dem alten Meister und dem jungen Fabelman/Spielberg muss so ungefähr kurz vor oder kurz nach Fords letztem Film Seven Women stattgefunden haben. Während der alte Ford den jungen Fabelman/Spielberg von einem gerahmten Bild zum anderen scheucht, um ihm zu erklären wo ein Horizont im Bild zu sehen sein soll und den fahrigen jungen Mann sehr schnell aus seinem Büro entläßt, erscheint mir diese letzte Szene als eine seltsame Begegnung von drei alten Männern: der in diesem Jahr verstorbene David Lynch war ebenso schon von schwerer Krankheit gezeichnet wie die Figur, die er darstellt, John Ford, der nur noch wenige Jahre zu leben hatte, und Steven Spielberg, der beim Drehen des Films ungefähr so alt war, wie John Ford in dieser Szene. Obwohl der junge Fabelman/Spielberg das Studio verläßt und fast euphorisch auf seine Zukunft zugeht, spürt man daß die letzten Bilder Erinnerungen sind, die viele Jahrzehnte zurückliegen. Es ist ein Gefühl, das sich bei mir erst am Ende des Films einstellt: trotz oder vielleicht gerade wegen seiner episodischen Erzählung erscheint mir der Film im Nachhinein so dicht, als hätte man einen 5 Stunden langen Film auf 145 Filmminuten verdichtet. Der lange Abspann ist ein wirklicher Segen, um von diesem kaleidoskopischen Wunderwerk wieder zurück in die Welt zu finden.

Rüdiger Tomczak

Die Kinoversion enthält eine kurze aufgezeichnete Einführung von Steven Spielberg, die sogar noch vor dem Universal Emblem zu sehen ist. Leider hat man diese schöne Idee bei den Bluray,- und DVD-Veröffentlichungen nicht verwendet.

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