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Die vorliegende Online-Ausgabe von shomingeki ist die erste seit nunmehr fast 4 Jahren. Für die Verspätung gibt es viele Gründe, organisatorische wie auch persönliche.
Ich überlege ernsthaft, die periodische (ohnehin sehr unregelmäßige) Erscheinungsweise nach der übernächsten Ausgabe einzustellen. Existieren wird sie weiterhin mit Einzelartikeln und mit mindestens zwei Blogs. In den letzten vier Jahren sind sehr viele Blog-Beiträge veröffentlicht worden, Andrea Grunerts Texte über Toshiro Mifune allein würden eine ganze Sonderausgabe füllen. Ich denke auch darüber nach, die bisherigen Online-Ausgaben zu digitalisieren, um sie dauerhaft verfügbar zu machen. Leider ist mir das nicht möglich mit den 24 Printausgaben (von denen die meisten noch als Hefte verfügbar sind), da ein Computercrash im Jahr 2011 fast alle Dateien vernichtet hat.
Den Text über Steven Spielbergs The Fabelmans habe ich drei verstorbenen Brüdern von mir gewidmet. Alle drei Brüder (von insgesamt vier) hatten einen enormen Einfluss auf meine Liebe zu Filmen. Die ältesten, Hans-Joachim und Detlev haben mich zum ersten Mal mit in ein Kino genommen. Es war genau mein sechster Geburtstag und das Kino war eines der fast vergessenen Bahnhofskinos, Bali genannt. Das Kino existiert noch unter dem Namen Metropolis in Bochum und ist eines der letzten erhaltenen Bahnhofskinos in Deutschland. Mit Martin, meinem jüngsten Bruder habe ich viele gemeinsame Kinobesuche erlebt. Er war ein großer Spielberg-Verehrer, während ich den Regisseur erst sehr spät für mich entdeckt und schätzen gelernt habe. Von Bettina Klix gibt es einen langen Text zu Truffauts wunderbarem Spätwerk La Chambre Verte (Das grüne Zimmer). Japanischer Film: Krieg und Erinnerung, ist ein langer Text von Andrea Grunert über diese Motive in Japanischen Filmen, Kriegsfilme, als auch Science Fiction-Filme. Meine Laudatio für Aparna Sen, der im April 2024 in Wien der Red Lotus Life Achievement-Preis für ihr Lebenswerk während des Red Lotus Asian Filmfestival verliehen wurde, habe ich nochmal abgedruckt und mit einigen Anmerkungen versehen. Ohne das mir das bewußt wurde, oder one das es irgendwie forciert wurde, sind Erinnerungen oder Gedenken fast so etwas wie ein Leitmotiv in dieser Ausgabe geworden. Das gilt für einen anderen Text von Bettina Klix, unter anderem auch über die Graphic Novel über Bonhoeffer von Moritz Stetter, Comikbuchladen, einige Wochen vor der Schließung, als auch für den Wiederabdruck eine Buchreszension von Sebastian Weber, Irrgarten im Studiosystem zu dem Buch Auf dem Rücken Amerikas. Eine Mythologie der Neuen Welt im Western und Gangsterfilm von Hannes Böhringer. Und auch Anjan Dutts Film Chaalchitra Ekhon, ist eine Hommage und zwar an den bengalischen Regisseur Mrinal Sen (1923-2018). Der Film ist aber gleichzeitig nach Dutta Vs Dutta auch der zweite autobiografisch inspirierte Film von Anjan Dutt. Im Übrigen gehört Mrinal Sen zu einer Reihe von verstorbenen Regisseuren wie Buddhadeb Dasgupta oder Keil Kumai, die in den letzten 50 Jahren immer wieder auf der Berlinale mit ihren Filmen präsent waren. Deren Tod war der Berlinale allerdings nicht einmal eine Pressenotiz wert.
Am 29. 11. fand in Berlin, im Silent Green eine denkwürdige Konferenz zu deutschsprachigen Filmzeitschriften statt. Unter der Überschrift Sehen, Schreiben, Solidarisieren, wurde diese Veranstaltung von den Redaktionen der Filmzeitschriften Revolver und Totale organisiert. Am Morgen gab es verschiedene Arbeitsgruppen, der öffentliche Teil begann am frühen Nachmittag mit Podiumsdiskussionen und Vorträgen. Das ist seit Jahrzehnten der erste Versuch Filmzeitschriften als eine eigene und vor allem besondere Art von Filmjournalismus zu definieren. Es ging um die Geschichte einiger Zeitschriften, bereits eingestellte, wie auch sehr alte immer noch existierende Publikationen. Überrascht war ich vor allem, wie viele noch sehr junge Filmzeitschriften es tatsächlich gibt. Aus ganz vielen Gründen war diese Veranstaltung eines der für mich inspirierendsten Ereignisse des letzten Jahres. Und wenn diese Ausgabe von shomingeki tatsächlich vorliegt, dann war diese Veranstaltung wohl einer der Gründe, die mich ermutigt haben, shomingeki wieder ein wenig aus dem Limbo-Bereich heraus zu bewegen.
Apropos der 30. Geburtstag von shomingeki, den ich eigentlich gar nicht gefeiert habe: diejenigen, die shomingeki von den ersten Ausgaben an kennen, werden sich vielleicht an einen Artikel von Hans Schifferle (1957-2021) in der Süddeutschen Zeitung vom Juni 1996 erinnern. Da ging es eigentlich um die Hundertste Ausgabe von Filmfaust, aber der letzte Abschnitt war meiner damals noch blutjungen Zeitschrift gewidmet. Diesem Artikel habe ich sehr viel zu verdanken – und er hat mir vor allem sehr viel Mut gemacht. Ohne diese Erwähnung wäre shomingeki vermutlich längst vergessen. Rolf Aurich und Ulrich Mannes haben jetzt ein Buch herausgegeben, Hans Schifferle, Berufung Kritiker. Das ist in der Reihe Film & Schrift von der Deutschen Kinemathek gerade erschienen. Das Buch enthält zahlreiche Texte von Hans Schifferle, sowie Fotos und Dokumente und ein Essay von Ulrich Mannes.
Rüdiger Tomczak