Wer nur einen einzigen Film im Leben sehen könne, der müsse „Ist das Leben nicht schön?“ von Frank Capra sehen. So hörte ich es den Philosophen Josef Bordat in einem christlichen Radiosender sagen. Den Beitrag konnte man nicht nachhören, ich vergaß aber diesen Satz nicht. Ob ich ihn mir richtig merkte, weiß ich nicht, denn in seinem Buch „Würde, Freiheit, Selbstbestimmung“, das ich jetzt las, lautet der Satz, mit dem er diesen Film als überraschenden Zeugen hinzuzieht, etwas anders. Im Kapitel über die Selbstbestimmung spricht Bordat von dem, was sie begrenzt und er erklärt, warum die Autonomie des Menschen keine absolute ist: „Es ist eine Illusion zu meinen, der Suizid beträfe nur den Suizidalen selbst. Jede Handlung hat Konsequenzen für Dritte – auch der Suizid.“ Dann vergegenwärtigt er den Film, indem er herausarbeitet, wie sich dort das Beziehungs- und Verantwortungsgeflecht auf anrührendste und dramatische Weise zeigt.
„Ist das Leben nicht schön?“( It’s a Wonderful Life, USA, 1946) basiert auf der Erzählung „The Greatest Gift“. Das Geschenk des Lebens ist hier gemeint. Der Film beginnt mit ängstlichen Gebeten von einigen Menschen, die für einen gewissen George Bailey bitten, den wir noch nicht kennen und der sich in einer Notlage befinden muss, man sieht dabei nur ihre Häuser und hört die flehenden Stimmen. Dann werden wir in den Himmel mitgenommen, wir sehen Sterne und hören einer „Einsatzbesprechung“ zu. Wen kann man schicken? Eine Verlegenheitslösung: der einfältige, noch nicht voll ausgebildete Engel Clarence, – äußeres Zeichen: er hat noch keine Flügel – muss den Dienst übernehmen, einen schweren Dienst, denn als er fragt, ob der Mensch, dem er beistehen soll, krank sei, heißt es: „Schlimmer, er hat den Mut verloren.“ Was zur Konsequenz hat, dass er plane, „das kostbarste Geschenk“ zurückzugeben. Der Himmelsbote, der ihn daran hindern soll, wird gespielt vom britischen Schauspieler Henry Travers. Diese Rolle wurde zu seiner bekanntesten, in einer Reihe von schüchternen, linkischen, liebevollen Gestalten, von denen mir die Verkörperung des Bahnhofsvorstehers und Blumenzüchters Mr. Ballard in dem Kriegsdrama „Mrs. Miniver“ (William Wyler, USA, 1942) besonders zu Herzen ging. Ballard legt seine stille Verehrung für die Titelheldin ganz in die Züchtung der Rose mit ihrem Namen für einen Wettbewerb; sein Vermächtnis, denn er stirbt gleich danach bei einem Luftangriff.
Ich zitiere jetzt vollständig die Passage, in der Bordat den Film nacherzählt und das, was damit „bewiesen“ wird:
„George Bailey (gespielt von James Stewart) ist ein guter Mensch. Ausgerechnet am Heiligabend verliert er seinen Lebensmut. Ein Fehler mit großer Tragweite lässt ihn am Sinn des Lebens zweifeln. Er beschließt, von einer nahegelegenen Brücke ins Wasser zu springen, um sich zu töten. Plötzlich fällt ein älterer Herr ins Wasser, in Bailey triumphiert für den Augenblick der gute Mensch, der für Andere da ist, und er rettet den Mann, der Bailey damit am Suizid hindert, aus den Fluten. Der Gerettete stellt sich ihm als sein Schutzengel vor. Bailey glaubt ihm zunächst nicht, sieht in ihm aber einen willkommenen Gesprächspartner, dem er sein Leid klagen kann. Als er sein Leben auf die Formel bringt, alle ins Unglück zu stürzen und es daher wohl besser gewesen wäre, nie geboren worden zu sein, zeigt ihm der Engel, wie sich alles entwickelt hätte – ohne ihn, George Bailey.
Bailey hat nun die (einmalige) Chance, den Lauf der Welt ohne ihn zu betrachten und muss feststellen, dass er in vielen Kontexten fehlt, dass er an schier allen Ecken und Enden gebraucht wird, dass zahlreiche Menschen ihn und seine Hilfe schmerzlich vermissen, dass Projekte ohne ihn scheitern, ja, dass die ganze Stadt ohne ihn eine andere, eine schlechtere wäre. Er erfährt so seine Bedeutung für Andere und erkennt den Wert seines Lebens. Das ruft in ihm die Verantwortung wach und er beschließt, seinem Leben doch kein Ende zu machen. Der Status Quo ist wieder hergestellt, die Anderen sind nun für ihn da und helfen ihm aus seiner misslichen Lage – und der Engel erhält seine sehnlichst erwünschten Flügel.
Jenseits der wirklich anrührenden Geschichte wird deutlich, wie mannigfaltig all jene menschlichen Beziehungen sind, die bei einem Suizid zugleich mitbeendet werden. Bailey entdeckt, dass das Leben schön ist – weil er es nicht alleine lebt, weil Andere ihn brauchen, weil er ihnen etwas bedeutet. Wenn es einen Film gibt, den wirklich jeder Mensch mindestens einmal gesehen haben sollte, dann wohl diesen: „Ist das Leben nicht schön?“ “
Nun habe ich auch erst begriffen, warum für einen guten Freund dieser Film sozusagen „zur Familie“ gehört und deshalb auch ein Weihnachtsgast ist.

Josef Bordat: Würde, Freiheit, Selbstbestimmung. Konzepte der Lebensrechtsdebatte auf dem Prüfstand, tredition, 2020

Ich danke der Schriftstellerin Claudia Sperlich, durch deren Rezension ich auf das Buch hingewiesen wurde.

Bettina Klix