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What is this love that loves us?
That comes from nowhere?
From all around?
The sky.
You, cloud,
You love me, too. (ein Monolog von Marina)

Einer der drei Jean Renoir gewidmeten Filme von Jacques Rivette aus der Reihe Les Cinéastes de notre temps dokumentiert ein Gespräch mit Renoir und dem Schauspieler Michel Simon. Ich erinnere mich nicht genau ob Renoir hier zitiert oder eigene Gedanken ausdrückt: „Die Seele ist weder im Herzen noch im Kopf, sondern direkt unter der Haut. Wenn ich mich recht erinnere nahm er hier Bezug auf seine Indien-Reise. Einen besseren Satz, um meine Faszination für die späten Filme von Terrence Malick auf den Punkt zu bringen, kann ich mir nicht vorstellen.

Der Film beginnt mit zwei Verliebten, dem Amerikaner Neil und der aus der Ukraine stammenden Französin Marina. Sie reisen im Zug durch Europa und besuchen verschiedene Orte des Kontinents. Fast noch mehr als in The New World tanzt die mittlerweile unverkennbar flüssig bewegte Handkamera von Emmanuel Lubezki mit den beiden Protagonisten, ein Tanz , der vor allem von Marina erwidert wird. Das hat zwar durchaus die Eleganz der Kamerabewegungen in den Filmen von Kenji Mizoguchi oder Max Ophüls, doch ist es als Kunstgriff kaum auszumachen. Das ist gefilmt wie gefühlt.

Die Körper der Liebenden erscheinen zunächst fast schwerelos. Im Verlauf des Films wird die Schwerkraft die Körper der Liebenden zurückerobert haben. Ein Ausflug zum Mt. Saint Michel in der Normandie oder ein Spaziergang am Strand während einer Ebbe und kurz vor der nahenden Flut. Die Anfangsmomente erscheinen bereits als Erinnerungen, aus der Zeit genommene Momente. Dieses Schwebende und Gleitende, wie sich die beiden durch Raum und Zeit bewegen hat auch schon etwas von einem Traum, der sich im Lauf des Films verlieren wird. Sie werden sich später an diese Momente immer wieder erinnern. Das ist wie ein verzweifeltes Festhalten an einen verlorenen Traum.

Gleich, so ziemlich am Anfang des Films, gibt es eine Szene, die gleichzeitig zu den elegantesten aber auch bewegendsten Szenen in Malick´s Werk gehört. In einem Park fragt Neil Marina, ob sie und ihre 10-jährige Tochter mit ihm nach Amerika kommen wollen. Dieser Moment ist im wahrsten Sinne des Wortes bewegend, die Handkamera und die Personen und vor allem Olga Kurylenko, die sich regelrecht durch den Film tanzt wie ein weiblicher Derwisch. In diesem Park ist so etwas wie eine Miniaturausgabe der Freiheitsstatue zu sehen. In dieser Szene ist die Euphorie der Liebe, die Verheissung des Glücks in Amerika und nicht zuletzt in ihrer Verspieltheit ein hinreißender filmischer Moment. Mit einer Einstellung vom Meer leitet diese Szene über zu dem Haus in Amerika, wo Neil wohnt. Das ist ein Moment von einer traumgleichen Schönheit, der bereits nach wenigen Minuten dieses „Wonder“ im Titel rechtfertigt.

Gerade dieses Versprechen wird später enttäuscht werden. Man sieht hinreißende amerikanische Landschaften in einem Licht, wie ich es im Kino bisher noch nie gesehen habe, aber dann auch geschändete Landschaften. Das Grundstück des Hauses, in dem Neil wohnt, ist von hohen Zäunen umgrenzt. Neil, der Umweltprüfer entnimmt Bodenproben von dieser Gegend, nur um festzustellen,  dass dieser Boden mit Giftstoffen verseucht ist, die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Während allmählich das Glück des Paares zerbricht durch Betrug und Ignoranz, gibt es auch Einblicke in die Schattenseiten Amerikas. Spuren der Armut, Einsamkeit und Verzweiflung nisten sich ein in die Chronik dieser ohnehin immer brüchiger werdenden Beziehung. Man sieht Drogenabhängige und Schwerverbrecher im Zuchthaus. Ein spanischer Priester, der offenbar an seinem Glauben zweifelt, gibt einigen dieser Eingeschlossenen die heilige Kommunion. Hinter diesem Hochsicherheitstrakt, scheint es, hat das wunderbare Licht des Films keinen Zugang. Diese hässlichen Seiten der Zivilisation kollidieren manchmal mit Momenten in denen das vermutlich schönste Licht der Filmgeschichte erstrahlt.

Malick´s Kino ist eines der Intensitäten und diese können variieren von Euphorie bis hin zu tiefer Verzweiflung. Sehr viel davon kann man bereits in den Veränderungen im Gesicht von Olga Kurylenko erkennen. Gerade was die menschlichen Gesichter in den Filmen Terrence Malick´s angeht (die mich immer wieder an die Filme von Ritwik Ghatak erinnern), gibt es eben diese Momente, in denen sich die formale Eleganz aufhebt und zurücksteht vor wahrhaftigen und nackten Emotionen. Dann wird der Film genauso verletzlich, wie die Emotionen, die er offenbart. Die Filme von Terrence Malick haben immer eindrucksvolle Frauencharaktere hervorgebracht, die Charaktere von Sissy Spacek, Brooke Adams, Linda Manz, Q´Orianka Kilcher, Jessica Chastain und vielleicht die eindrucksvollste, die von Olga Kurylenko.

Im Vergleich zu den Arbeiten an The Tree of Life, scheint To The Wonder nahezu während eines Spaziergangs entstanden zu sein. Umso erstaunlicher ist es, dass sich dieser sogenannte „kleinere“ Film von Malick so nahtlos in die späten Schaffensperiode von Malicks, mit immerhin drei epischen Filmen, einfügt. Wo zum Beispiel The Tree of Life die Entstehung und den Tod der Welt verknüpft mit einer sehr intimen Familiengeschichte und dabei gleichzeitig die Welt der Materie mit der spirituellen Welt zusammenbringt, vermag es dieser letzte Film die ganz irdische und selbstverständlich auch körperliche Liebe zwischen Menschen und der geistigen Liebe zu Gott zusammenzubringen. Die werden keinesfalls gegeneinander gestellt, sondern ergänzen sich. Der spanische Priester ist somit neben Marina und Neil die dritte Hauptperson des Films. Die Religiosität in den Filmen von Terrence Malick ist vor allem eine der Körper von Lebewesen aller Art und von Landschaften. Mehr als an dem Mysterium der Schöpfung scheint Malick von dem fasziniert zu sein, das die Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn wir dem Pater bei seinen fast uninspirierten Predigten vor fast leeren Kirchenbänken zuhören, erscheint er nahezu isoliert in seiner Verzweiflung. Anders ist es, wenn wir ihn wenig später bei seiner Arbeit im Zuchthaus zusehen. Da ist eine besondere Zärtlichkeit für die Gescheiterten dieser Welt zu spüren. Oder dann die Hingabe, wenn er einem alten Menschen beim Gehen hilft, einem Sterbenden die letzte Kommunion erteilt oder einer Rauschgiftsüchtigen eine Jacke über die Schultern hängt. Sobald sich dieser Priester der weltlichen Wirklichkeit stellt (vor allem gegen Ende des Films), dann ist er, wenn nicht näher zu Gott, so doch immerhin in nächst möglichem Kontakt zum Ergebnis der Schöpfung. Und genau in diesen Momenten wird ein Film von Terrence Malick zu einem visuellen Gebet. Gegen Ende des Films gibt es einen ganz wundervollen Moment, ein gebetsartiger Monolog des Priesters zu Jesus, den er hier als körperlich wahrnehmbare Person herbei beschwört.

Christ, be with me.
Christ before me.
Christ behind me.
Christ in me.
Christ beneath me.
Christ above me.
Christ on my right.
Christ on my left.
Christ in the heart.

Unter anderem sieht man dabei eine der fragmentarischen erinnerungsartigen Sequenzen, in der Marina ein Kind beim Füttern von Gänsen zusieht. Überhaupt hat dieser Monolog auch etwas von einem Kind, dass betet aber dabei von ganz konkreten körperlich-räumlichen Orientierungen ausgeht. Wo immer auch in den Filmen von Terrence Malick von Religiosität zu sprechen ist, dogmatische Predigten und ideologische Voreingenommenheit sind ihnen fremd.

To The Wonder ist, wie bereits erwähnt auch ein langer und manchmal ekstatischer Tanz und letztendlich ist Malick der Derwisch, der die Bewegungen der Kamera und der Akteure zu einer einzigen zusammenhängenden Bewegung vereint.

Man kann immer wieder von dem Licht dieses Films sprechen, das typisch ist für die späten Filme des Amerikaners. Es ist weithin bekannt, dass Malick, wann immer die technische Möglichkeit besteht, mit natürlichen Lichtquellen arbeitet. Aber Licht ist noch viel mehr, als ein technisches Element beim Filmemachen. Es ist nicht zuletzt das Schlüsselelement des Kinos, sowohl des Filmemachens, wie auch der Projektion. Und es ist gleichzeitig das Schlüsselelement der Welt, ihre Entstehung aber auch ihre Sichtbarmachung. Ganz konkret kommt es von der Quelle des Lebens, der Sonne. Wie in The Tree of Life ist Licht immer beides, ein messbares physikalischen Phänomen, aber auch ein Symbol, das durch die Geschichte aller Religionen und Kulturen geht. In einer weiteren bemerkenswerten Szene sieht man den Priester zusammen mit einem afro-amerikanischen Kirchendiener, der die bunten Glasfenster reinigt. Dabei sagt dieser zu dem Priester, dass es nicht gut sei, immer allein ohne ein wenig Abwechslung zu sein. Dann beschreibt er das Licht („it hits you“), das durch die farbigen Fenster in den Raum eindringt. Einmal mehr verschmilzt hier die kulturell bedingte Deutung des Lichts mit der Wahrnehmbarkeit dieses physikalischen Phänomens. Da hält der Priester die Hand an der Scheibe, wie um sich zu wärmen. Diese Wärme der Sonnenstrahlen kann man fast auf der Haut spüren. Und das Licht in diesem Film wird mir unvergesslich bleiben. Landschaften eingetaucht in rotgoldenes Licht, dass manchmal auch die Gesichter der Personen beleuchtet. Dieses Licht wird mich immer verfolgen. Diese Momente der Schönheit werden im Verlauf des Films immer öfter mit Bildern von verzweifelten Gesichtern und zerstörten Landschaften kontrastieren.

Dass einige Kritiker seit The Tree of Life von einer autobiografischen Phase im Werk von Terrence Malick reden, erscheint mir in vielfacher Hinsicht einleuchtend. Vielleicht noch etwas verschlüsselter als in The Tree of Life hat auch To The Wonder etwas von einer Lebensbeichte, in diesem Fall auch von einer gescheiterten Liebesbeziehung. Die Intensität dieser Beziehung macht es mir nahezu unmöglich mir vorzustellen, dass Malick so etwas filmt ohne es selbst erlebt oder gefühlt zu haben. In meinem Text zu The Tree of Life habe ich einmal von einem „Malick Paradoxon“ gesprochen. Damit meine ich eine Authentizität des Gefühls und der Stimmung, die all den Prozessen der Arbeitsteilung und der technischen Apparate des Filmemachens zum Trotz nahezu ungefiltert erscheinen und gerade deshalb so ergreifend sind.

Die letzten Filme von Terrence Malick sind einzigartig unter anderem auch schon in ihre fast provozierenden Verletzlichkeit. Dass diese Filme mich berühren, ist fast wörtlich zu verstehen, handeln sie doch oft von Berührungen selbst. Man sollte genau auf die Weise achten, wie die Liebenden sich berühren und wie sie später, wenn sich ihre Beziehung dem Ende nähert immer auch körperlich voneinander entfernen.

Am Ende wird Marina das Land verlassen. Die Liebe ist gescheitert, die Scheidung formell vollzogen. Der Abschied am Flughafen und dann der lange Gang Marinas durch die schwach beleuchtete Gangway ins Flugzeug erscheint bereits wie ein Abschied für immer.

Das Finale des Films besteht wieder vor allem aus Erinnerungsfragmenten. Wieder sieht man ein paar hinreißend schöne Landschaften. Marina erscheint hier nach dem Abschied wie Pocahontas in The New World, nachdem man bereits über ihren Tod informiert wurde als Wesen in einer Erinnerung. Auch hier erscheinen sie als Fragmente des Glücks, die unwiderruflich vergangen sind. Fast erscheint es, als sei auch Marina bereits gestorben. In diesen Sequenzen gibt es unter anderem einen Tanz von Marina in einem Supermarkt. Dieser Moment ist so verrückt wie ergreifend, dass man erst einmal tief durchatmen muss. Am liebsten möchte ich den Film hier manchmal anhalten.

Wie so oft sieht man hier am Ende wieder Olga Kurylenko sich tänzerisch durch eine Landschaft bewegen. In einem Moment scheint ihr die untergehende Sonne direkt ins Gesicht. Seltsam dramatisch dringt das Licht in dieses schöne Gesicht ein wie Röntgenstrahlen. Dieser Moment ist ähnlich bewegend wie die Vision von der sterbenden Sonne, die die Erde verbrennt in The Tree of Life. Und ähnlich wie am Ende von The Thin Red Line endet der Film mit einer Idee vom endgültig verlorenen Paradies, in diesem Fall von dem Mt. Saint Michel, das letzte Bild des Films.

Rüdiger Tomczak

Ich kann gar nicht oft genug auf den wunderbaren Text von Adrian Martin Great Events and Ordinary People hinweisen, der nicht nur ganz konkret eine Laudatio für The Tree of Life ist, aber ebensoviel gute Beobachtungen zum Werk von Terrence Malick und wie es eingebettet ist in die Geschichte des Films:

Eine Fundgrube zu biografischen Details von Terrence Malick ist das Buch One Big Soul von Paul Maher jr, 2012

Ein anderer Text, The Runaway Genius von Peter Biskind (den ich nicht besonders mag), der aber wie einige Passagen aus Paul Mahers Buch durchaus ein Anlass sein kann auch To The Wonder autobiografisch zu lesen: http://awareread.blogspot.de/2011/06/runaway-genius.html

Ein anderer interessanter Text von Bob Turner beschäftigt sich ebenfalls unter anderem mit autobiografischen Aspekten in To The Wonder.

http://thewhaleshipglobe.blogspot.de/2013/08/the-ghost-dance-re-evaluating-terrence.html

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