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“The tears I never shared have become a song somehow
The song I never sung has become popular now.(..)”
aus dem Lied Chhiley Bondhu (Text von Anjan Dutt, Komposition Neil Dutt)

Als Kind – auch wenn es streng verboten war – habe ich es geliebt, in und um alte verlassene, oft fast verfallene Häuser herumzulaufen. Das gleiche galt für Baustellen, auf denen neue Häuser entstehen. Von den Ruinen hatte ich mir Spuren von Geschichten von Menschen versprochen, die es schon lange nicht mehr gibt. Die Baustellen versprachen Geschichten, die noch kommen sollten. Hier begann alles mit Sand, Beton, und Steinen. Die ersten Räume wurden sichtbar und bald würden hier Leute mit ihren Geschichten einziehen.
Ich träume oft Filme als Gebäude und Wohnräume, besonders seit meiner Leidenschaft für die Filme von Yasujiro Ozu, die vor einigen Jahrzehnten begann.
Heute geht es mir auch so mit den Filmen von Anjan Dutt oder Aparna Sen. Neben all dem, was der Film sonst noch ist, ist  Anjan Dutts autobiografisch inspirierter Film Dutta Vs Dutta auch das Portrait eines Hauses. Das Haus ist aufgeteilt in seine Räume wie der Film  durch verschiedenen Geschichten der einzelnen Familienmitglieder strukturiert ist.

Finally Bhalobasha, einer von Anjan Dutts neueren Filmen beginnt fast wie eine filmische Baustelle. Die drei auf den ersten Blick scheinbar voneinander unabhängigen Geschichten sind getrennt durch Abblende und Zwischentitel. Da die einzelnen Geschichten immer wieder durch die nächste unterbrochen werden, um später weitererzählt zu werden, erscheint der Film zunächst wie drei Filme, die gleichzeitig ablaufen. Erst ganz allmählich wachsen die drei „Filme“ zu einem zusammen und bevor man es merkt, beginnt man in dem Film zu „wohnen“ und der Eindruck, man sehe noch unfertiges Material von drei verschiedenen Filmen verflüchtigt sich. Die erste Episode „Schlaflosigkeit“ erzählt von einem jungen Mann, Bibek, kurz Bobby genannt, der von einem Gangster angestellt wird. Dieser Gangster misshandelt seine junge Frau Malavika körperlich und seelisch. Die zweite Geschichte, „Arthritis“ handelt von einem alternden ehemaligen Offizier, der eines Nachts eine junge Frau mit nach Hause bringt, die vor seinem Auto zusammengebrochen ist. Die dritte Geschichte, „HIV-positive“ spielt in Darjeeling und erzählt von der Beziehung zwischen einem sterbenden HIV-Kranken und seinem Pfleger, einem ehemaligen Rikscha-Fahrer, der eigentlich lieber Boxer geworden wäre.

Ein Film ist immer auch „gebaut“ und montiert. Manchmal bietet die Kunst des Filmemachens auch eine Idee über die Art der Arbeit, die es ermöglicht, für all die Stimmungen, Gedanken und Gefühle, die der Film in uns hervorrufen wird, einen Raum zu schaffen, der es uns erlaubt, für eine begrenzte Zeit in einem Film zu „wohnen“.

Ich habe Finally Bhalobasha zum ersten Mal bei Amazon Prime bei Freunden in den USA gesehen, war aber noch viel zu sehr von Dutts vorherigem Meisterwerk Aami Ashbo Phirey (Coming Home) verzaubert, um Finally Bhalobasha die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die dieser Film auch verdient hätte. Vor einiger Zeit habe ich den Film für mich wiederentdeckt. Es war die Zeit des weltweiten Lockdowns, der für Monate die 125-jährige Filmgeschichte fast vollständig zum Erliegen gebracht hat.

Jede der drei Episoden enthält ein Lied und es war besonders der Song „Chhiley Bondhu“ aus der Episode „HIV-positive“, der mir einen neuen Zugang zu dem Film geschaffen hat: wie eine versteckte Tür zu einem geheimnisvollen Gebäude, das ich bisher übersehen hatte. Das bezaubernde Lied steht auch für die wundervolle Arbeit von Neil Dutt für die meisten Filmmusiken zu den Filmen seines Vaters Anjan Dutt, aber unter anderem auch für seine Musik für die letzten Filme von Aparna Sen. Aber wie der Song in diesen Film integriert ist, hat auch viel zu tun mit der verborgenen Magie der Filme von Anjan Dutt.

Wie in den meisten Filmen von Anjan Dutt sind die Charaktere viel zu sehr mit ihrem Leben im Hier und Jetzt beschäftigt, um sich zu erklären. Aber zwischen ihren Alltagsroutinen, ihren Verhaltensmustern, Gewohnheiten und Eigenheiten sind oft Momente von tiefer Traurigkeit über den Verlust ihrer Träume und über die Unfähigkeit, das Leben zu führen, von dem sie geträumt haben.

„Schlaflosigkeit“, die erste Erzählung tendiert zum Genre des Gangsterfilms. Bibek, der etwas orientierungslose junge Mann versucht verzweifelt sich wieder mit seiner Freundin zu versöhnen. Er versucht sie immer wieder anzurufen, aber meistens erfolglos. Eine richtige Kommunikation findet nicht statt. Aus Mitleid für die misshandelte Frau seines Bosses plant er mit ihr und einem Freund eine Entführung der Frau zu fingieren, um seinen Boss zu erpressen und der unglücklichen Frau schliesslich zur Freiheit zu verhelfen.

Die zweite Episode „Arthritis“ tendiert eher zu den Alltagsdramen Ozus. Dinesh, der ehemalige Berufssoldat und die junge Frau Ahiri (die in einer Jazzband Trompete spielt): das erscheint auf den ersten Blick zunächst wie eine Romanze zwischen einem alternden Mann und einer wesentlich jüngeren Frau. Nur wenig später verwandelt sich diese scheinbare Romanze in einen melancholischen Dialog zwischen den verschiedenen Lebensstufen eines Menschenlebens. Dineshs Frau (die eine ähnliche Beziehung zur Jazz-Musik hatte wie die junge Ahiri) starb genau in dem Alter von Ahiri bei der Geburt ihres Sohnes, von dem Dinesh seltsamerweise nur ungern erzählt). Nach und nach verändert der Film unsere Wahrnehmung. Ist „Schlaflosigkeit“ sehr nah am Gangsterfilm, bewegt sich Arthritis zwischen Ozu und Proust, dem Hier und dem Jetzt und Erinnerungen als Teil des menschlichen Bewusstseins. Da muss ich an den seltsamen Zeitungsartikel denken, der Ozu zu seinem letzten Film Samna no aji (Ein Herbstnachmittag) inspirierte: Alternder Witwer fühlt sich durch eine Barkeeperin an seine Frau erinnert. Hinter dem Hier und Jetzt werden die „Wesen der Zeit“ von Proust spürbar, aus denen sich ein Menschenleben zusammensetzt. Wie ich schon erwähnte – in diesem scheinbar sehr klar arrangierten filmischem Gebäude öffnen sich immer wieder Türen, die man vorher übersehen hatte.

Die filmische Landschaft, die die dritte Episode „HIV-positive“ bietet, ist wieder eine ganz andere Möglichkeit von Film. Sie spielt in Darjeeling, jener Region, die eine ganz besondere Bedeutung für Anjan Dutt hat und in der er einen großen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Joey, der sterbende junge Mann, der Schauspieler werden wollte, zitiert pausenlos Dialoge aus Filmen, um seine Angst vor dem Tod zu überspielen, was seinen Pfleger sehr verstört. Sie scheinen zusammen in einer bestimmten Phase ihres Lebens festzustecken. So streiten sie inmitten der wilden Schönheit der Landschaft von Darjeeling, die wie die filmische Pracht erscheint, von der der sterbende Mann immer träumt. Der Kontrast zwischen dieser gewaltigen und alten Landschaft und den zwei Sterblichen ist erschütternd.
Die Ahnung des Todes ist immer gegenwärtig. Kurz bevor der junge Mann schliesslich stirbt, machen beide einen Ausflug. Sie besuchen das Internat, in dem der junge Mann einst studierte (wenn ich mich recht erinnere ist es dasselbe Internat, das Anjan Dutts Alter Ego Ronno in Dutta Vs Dutta einst besuchte). Dieser Moment ist in seiner Aufgekratztheit eine seltsam bewegende Feier von Glücksmomenten (erlebte oder eingebildete), die mit der Unausweichlichkeit des Todes kontrastieren und ist einer der herzzerreissendsten Momente in einem Film von Anjan Dutt. Das Lied „Chhiley Bondhu“ erscheint wie ein vorgezogenes Requiem.
Neil Dutt singt:
„Are you my friend from long long time ago?
The friend who shared my happiness my woe?
If we meet again in some other world
Will you love me like you did once before?“

Da diese drei Teile immer mehr beginnen sich zu verbinden, zu diesem einen Film zu werden, ist man erstaunt, wie viel ein Film in weniger als zwei Stunden über das Leben und gleichzeitig auch über das Kino zu erzählen vermag. Das kurze Finale des Films löst die drei Teile zu einem auf: die Episode „Schlaflosigkeit“ mündet in eine ziemlich heftige Tragödie, „Arthritis“ endet mit einer Reise und „HIV-positive“ schliesslich mit dem Tod. Alle diese drei Wege führen nach Darjeeling, wo die Cinemascope-Bilder eine fast mythische Qualität haben.

Wie in Satyajit Rays legendärem Meisterwerk Kanchanjangha, ist auch das Darjeeling dieses Films aufgeteilt in von Menschen erschaffene Wege und Brücken. Gleichzeitig sind sie auch die Grenze zwischen Zivilisation und Natur.
Dineshs Beichte, dass er als Vater versagt hat, findet gerade in dieser Landschaft statt. Hier trifft Bobby auch seine Freundin wieder. Aber dann drehen uns die Figuren wieder den Rücken zu und mit ihnen shen wir in diese unendliche Landschaft und in diesen unendlichen Himmel. Die Landschaft, die fiktive Erzählung und die Cinemascope-Fotografie verschmelzen zu einer eindrucksvollen Landschaft, die mich an die Beziehung zwischen Mensch und Landschaft in einigen Filmen von John Ford erinnert.

 In Anjan Dutts Filmen ist sowohl Platz für die Gescheiterten, die Trauernden, für die, die ihre Träume und Hoffnung verloren haben, als auch für diejenigen, die den Glauben, die Hoffnung und ihre Träume bewahren konnten.

Diese großzügige Einladung von Anjan Dutt, in Finally Bhalobasha „zu wohnen“ hat mit der Liebe zu seinen Figuren, zum Publikum und zum Kino selbst zu tun.

Rüdiger Tomczak

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