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Das vielbesuchte Grab der Autorin und Musikerin Françoise Cactus (1964-2021) auf dem alten St. Matthäus-Friedhof. Foto: Thomas Hauser

„Zu den auffälligsten Erscheinungen der verwirrten, vieldeutigen Zeit, die dem ersten Weltkrieg unmittelbar folgte, gehört das Verschwinden der Erinnerungen an den Krieg. Die an ihm teilgenommen hatten, auf deren Gesichtern noch sein entsetzlicher Ernst zu lesen war, mochten nicht von ihm sprechen, die andern nicht von ihm hören. Zu groß war vielleicht die vorausgegangene, alle Kräfte einfordernde Anspannung gewesen; zu groß war nun die Ermüdung, die Enttäuschung über das Ende. Der Krieg versank wie ein Wrack mit verdächtiger Schnelle…“
Reinhold Schneider
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„Ein Blick der fragt
Ein Fuß der nicht an die Erde glaubt
Eine Hand versteckt in Lumpen
Ein Lächeln aus dem See der Verzweiflung
Ein Kind steht mit leerem Blick
in der Ruine“
Wolfgang Hermann
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„Wie wir wissen: Steine reden.“
Heinz Knobloch
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„Die Poggenpuhls – eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Töchtern Therese, Sophie und Manon – wohnten seit ihrer vor sieben Jahren erfolgten Übersiedlung von Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit fertig gewordenen, also noch ziemlich mauerfeuchten Neubau…Diese Großgörschenstraßen-Wohnung war seitens der…Familie nicht zum wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der Straße, zugleich aber auch um der sogenannten ‚wundervollen Aussicht‘ gewählt worden, die von den Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmäler und Erbbegräbnisse des Matthäikirchhofs…ging…“
Theodor Fontane
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Die „wundervolle Aussicht“, die von den verarmten Poggenpuhls gerühmt wird, ist die auf den Berliner Alten St.- Matthäus-Kirchhof. 1856 eingeweiht, ist er in seiner heutigen verkleinerten Gestalt Zeugnis der gezielten Vorkriegszerstörung in Berlin , von der ich lange keine Kenntnis hatte: „Im Rahmen der Pläne Albert Speers für eine Nord-Süd-Achse der zu errichtenden „Welthauptstadt Germania“ ließ man in den Jahren 1938 und 1939 etwa ein Drittel des nördlichen Friedhofsgeländes entwidmen, die Gräber wurden eingeebnet und zahlreiche, direkt an der Großgörschenstraße gelegene Erbbegräbnisse zum Südwestkirchhof nach Stahnsdorf verlegt.“ (Ingolf Wernicke)
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„Der Kirchhof, schrieb Karl Rosenkranz in einer seiner „Königsberger Skizzen“, in der ihm allein schon das Wort „Dorfkirche“ die Tränen in die Augen treibt, verdankt seinen Namen der Tradition, die Toten innerhalb der Gemeindegrenzen zu bestatten. Er belegt einen Zusammenhang der lebenden Gemeinde mit der toten. Diese Verbindung aber werde sich, so die Prognose von 1842, nur auf den Dörfern erhalten, „weil hier die Sanitätspolizei um frische Luft nicht verlegen zu sein braucht, die bösen Schwaden zu vertreiben, die von den Todten ausgehaucht werden.“ Demgegegenüber setzt sich der Begriff „Friedhof“ durch, als aus Rücksicht auf die Gesundheit und die große Zahl an Menschen begonnen wird, die Toten außerhalb der Orte zu begraben. Nun werden sie nicht mehr feierlich zu Grabe getragen, sondern „profan wie eine Ware“ zu einer Fläche hingefahren, die nicht in der Nähe einer Kirche liegt.
Rosenkranz hält die Erfahrung einer Epochenschwelle fest: „Wir scheiden Leben und Tod viel bestimmter, als die frühere Zeit, welche sie miteinander vermischte.“ Früher habe darum ein gespenstischer Zug im Verhältnis zu den Toten geherrscht. Heute habe sich die Gesellschaft vom Druck der „Totenatmosphäre“ entlastet. Man erweise den Toten auch deshalb die „letzte Ehre“, weil danach oft jede Verbindung zu ihnen aufhöre.“
So Jürgen Kaube im letzten Kapitel von „Hegels Welt“, Einen geheimnisvollen Gedanken Hegels hat Kaube mehrmals in öffentlichen Gesprächen wie ein rätselhaftes Ausgrabungsstück hochgehalten und jedes Mal erstaunte er mich aufs Neue. Im Buch ist er auch so wiedergegeben, als ‚Überraschung‘: „Denn es gibt für Hegel überhaupt nur drei Epochen der Kunst, eine der „symbolischen“ und eine der „klassischen“ Kunst sowie eine dritte der „romantischen“ Kunst, in der das Kunstschaffen seinen Höhepunkt aber schon überschritten haben soll und die mit dem Tod Christi begann.“
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„Am 8.Februar 1912 traf in Berlin der englische Kriegsminister, Lord Haldane, ein, um ein letztes Mal die Hand zu einer Verständigung zu bieten. Man wies sie zurück. Haldane verließ Berlin mit den schlechtesten Eindrücken. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof hatte Haldane die Gräber von Hegel und Fichte besucht. In einem Gespräch mit Wilhelm II. bedauerte er, wie vernachlässigt die Grabstätten jener Männer seien, deren Geist, deren hohe philosophische und ethische Kultur Preußen doch groß gemacht hätten. Tieferschüttert erzählte er Walther Rathenau, dass der Kaiser ihm geantwortet habe: „In meinem Reich ist für Männer wie Fichte und Hegel kein Platz.“ (Annemarie Lange „Das Wilhelminische Berlin“, 1967)
So zitiert es der Ostberliner Autor Heinz Knobloch in seinem Buch „Berliner Grabsteine“, 1987, wehmütig stimmenden Betrachtungen, die sich aber mit feinem Humor vor allem um Vergessene, Verkannte, Umgebettete oder Verschollene bemühen. In Berlin sei das Gedenken aber ein schon immer schwieriges Unterfangen gewesen: „Zur Pflege und Erhaltung der Gräber bedeutender Persönlichkeiten geschieht in Groß-Berlin so gut wie nichts; ebenso steht es mit dem Schutze künstlerisch wertvoller Grabmale. Viel ist schon vernichtet und dem Erdboden gleichgemacht worden.“ So schrieb 1932 klagend ein Beamter mit dem schönen Namen Willi Wohlberedt, der sich als Hobbyforscher betätigte und sein „Verzeichnis der Grabstätten bekannter und berühmter Persönlichkeiten in Großberlin und Potsdam mit Umgebung“ im Selbstverlag herausgeben musste. Heinz Knobloch folgt also nicht nur den Spuren der Toten, denen Respekt vorenthalten wurde, sondern auch denen, die das Gedenken wachhalten wollten. So spürt man richtig die Erleichterung, wenn er einmal feststellen kann, dass er als Anwalt entbehrlich ist: „Wir biegen in die Große Hamburger Straße. Mittlerweile kennen viele den Weg zu Mendelssohns Grab. In den letzten Jahren wurde der Gedenkstein für die Opfer der Deportationen neu gestaltet; eine Figurengruppe steht neben dem Eingang zur städtischen Grünfläche, die einmal ein jüdischer Friedhof gewesen ist.“
Seinen sehr besonderen Gebrauch von Ironie und Selbstironie zeigt das dem Grabstein-Buch vorangestellte Zitat, eine Briefstelle ohne Zusammenhang:
„Ich glaube, es war Knobloch und der ist ja wohl todt.“
Theodor Fontane an Friedländer, 27. Dezember 1893
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„Einzig Vineta vielleicht versank derart gründlich in einer Sintflut, wie die Stadt versank, von der ich rede. Doch wie der Wanderer Vinetas Glocken hört, wenn der Zufall es will, und Vinetas Turmspitzen , Dachfirste, Söller und einen Schimmer von Höfen , Gassen und Plätzen wahrnimmt, wenn der Einfallswinkel des Lichtes im Meer günstig ist, so auch spürt der Spaziergänger manchmal einen Anhauch der gewesenen Stätte. Ohne eine verschwommene Sentimentalität, für die die Ortsbewohner ohnehin anfällig sind, zu mystifizieren und zu romantisieren, muss doch gesagt werden, dass gerade hierorts das verbaute verbrauchte Gestein ganz besonders redselig erscheint.“
So wird Günter Kunert zitiert in „Der Moses Mendelsohn Pfad“ von Ulrich Eckhardt, erschienen 1987 zum großen Stadtjubiläum, das sowohl im Osten wie im Westen opulent mit Ausstellungen und Publikationen gefeiert wurde. Die Mauer schien noch eine Zukunft zu haben. (Kurioses Fundstück: Ein zur 750Jahrfeier herausgegebener „Plan der Innenstadt“, der aber nur die östliche Hälfte abbildet. Durch geschickte Platzierung der Legende und des Titelblattes auf dem westlichen hereinragenden Teil sind nur ganz wenige Ränder der feindlichen Seite verblieben, die mit krank-gelber Farbe ohne jede Information ausgewiesen sind, lediglich als „Westberlin“ beschriftet oder bei sehr kleinen Überhangecken mit „WB“.) Der Untertitel des Buches, „Eine Berliner Zeitreise oder Wanderwege in eine versunkene Stadt“ lässt nur ahnen, um was für ein fantastisches Projekt es sich handelt, das sich von der Westseite der Mauer nähert und an ihr entlang auf Spurensuche geht und nun, im Jahr 2022, Gefährt geworden ist für eine doppelte Zeitreise. Als ich das Buch fand, konnte ich es gar nicht fassen, dass ich noch nie davon gehört hatte. Schon die Ausgangsidee begeisterte mich, bevor ich sah, wie kenntnisreich, liebevoll und mit welchem Respekt vor den Opfern (Menschen, Gedanken, Gebäude…) sie umgesetzt wurde. Der Text von Ulrich Eckhardt, die Fotos von Elke Nord sowie ausgewählte literarische Zitate und historische Fotos bleiben in einer melancholischen Spur, die der rätselhafte Titel vorgibt:
„Hamburger Bahnhof und Anhalter Bahnhof, die Schauplätze der großen historischen Ausstellungen im Berliner Jubiläumsjahr 1987, sind durch den imaginären Geschichtsweg des Moses-Mendelssohn-Pfads miteinander verbunden.
Moses Mendelssohn (1729-1786) ging 1743 diesen Weg auf der Suche nach einem Einlass in die Stadt. Friedrich II., der Große, war 1740 preußischer König geworden, er schaffte als erstes die Folter ab, holte den Aufklärer-Philosophen Christian von Wolff zurück…Aber noch immer war es Juden nicht erlaubt, ohne besondere Genehmigung nach Berlin zu kommen, hier zu wohnen und zu arbeiten. Also waren Moses Mendelssohn, dem Talmudschüler aus Dessau, der seinem Lehrer David Fränkel folgen wollte, die Stadttore verschlossen. Er wanderte die Akzisemauer entlang vom Halleschen Tor zum Potsdamer Tor, zum Brandenburger Tor, zum Neuen Tor und kam schließlich eher aus Unachtsamkeit des Wächters durch das Rosenthaler Tor in die Stadt hinein. Dieser historische Weg verlief weitgehend über die heutige Stresemann- (frühere Königgrätzer) Straße und Friedrich-Ebert-(frühere Schulgarten-)Straße zum Unterbaum nördlich des heutigen Reichstages und weiter über die Invalidenstraße. Es ist der Weg, den wir heute – wieder entlang einer deutschen Mauer – in Erinnerung an den großen preußischen Aufklärer Moses Mendelssohn gehen, um uns der die Gegenwart und Zukunft Berlins prägenden Vergangenheit zu erinnern und zu vergewissern.“ Die schönen Fotos von verwunschenen Orten im Schatten der Mauer stimmen nun doppelt melancholisch, da zu befürchten ist, dass nur wenig davon nicht beseitigt, bereinigt, überbaut wurde. Ich habe derzeit nicht den Mut, diesen Weg nachzugehen und zu überprüfen, was dort noch verschont blieb – und ob dies etwa noch stimmt: „Die letzte über 100jährige Platane aus den Lennéschen Anpflanzungen am Landwehrkanal steht noch heute unmittelbar an der Köthener Brücke. Unerkannt und eingepfercht zwischen rasendem Autoverkehr und Kanal hat der würdevolle alte Baum die Stürme der Zeit überstanden. Er könnte vieles erzählen von Berlins intensivster und reichster Zeit, von seiner Entfaltung zur modernsten europäischen Metropole und von seinen Verlusten, von seinem Untergang durch selbstverschuldete Verirrung. An diesem alten Baum endet die Zeitreise in die Vergangenheit einer verschütteten Stadt.“ (Schlusspassage des Buches)
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Im Vorwort zu ihrem Buch „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, schreibt Roswitha Schieb, dass ein israelischer Journalist in einer deutschen Zeitung einen interessanten Vorschlag für eine Gedenkstätte machte: „In der Zeit der Entwürfe für ein Holocaust-Mahnmal in Berlin plädierte er…für ein Denkmal besonderer Art: Das dafür zur Verfügung stehende Gelände sollte einfach mit Gras bewachsen sein, bloß in der Mitte müsse ein Häuschen stehen, zu dem von allen Seiten Wege hinführten. In dem Häuschen befänden sich mehrere Computer mit einer sehr speziellen Software, in der jeder und jede Deutsche unter dem Namen ihrer Väter oder auch Mütter nachschauen könnte, was diese während der Nazizeit und während des zweiten Weltkriegs getan oder auch nicht getan hätten. Auf diese Weise würde jeder und jede in den Stand versetzt, sich mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, so schmerzlich und hart das auch sei.“ Schiebs Buch ist eine unerschrockene Erforschung von Lebensgeschichten, in denen sich „die Verwerfungen der jüngeren deutschen Geschichte“ zeigen. „Dreh- und Angelpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus, seine Vorgeschichte ebenso wie seine Nachwirkungen bis heute.“ In der Vergegenwärtigung von Schicksalen von Verfolgten geht es auch oft um fehlende Gräber und fehlendes oder falsches Gedenken. In dem sehr berührenden Text über Walter Benjamin wird das ihm gewidmete Monument des Künstlers Dani Karavan, „Passagen“, in Port Bou besucht, Benjamins letzte Station seiner Flucht vor der Verfolgung, kunstvoll von der Autorin beschrieben, dabei analysiert und auf das Werk des Philosophen bezogen. Was sich mir dabei in den Weg der Vergegenwärtigung stellte: Der Ort der einsamen Selbsttötung ist nun durch ein „Monument“ gekennzeichnet, aber sowohl der Ort, die Tat und der Zeitpunkt waren ja von außen aufgezwungen. Eine problematische Art der Verewigung dieses nicht frei gewählten Auswegs. Auch ist mir gerade am konkreten Beispiel von Benjamins Ende noch einmal unser falscher Sprachgebrauch bewusst geworden, der in letzter Zeit von Vielen beklagt wird. Das Wort Selbstmord ist falsch, weil ja nicht gegen den eigenen Willen oder heimtückisch gehandelt wird. Es ist dabei so wenig zutreffend wie das Wort Freitod, da die Situation, aus der heraus Selbsttötung geschieht, gerade von Unfreiheit (in verschiedenen Graden) gekennzeichnet ist. Dieses Thema behandelt Schieb aber etwas später auf eine zurechtrückende Weise. Sie betrachtet kritisch zwei Gedichte, die Benjamin und seinem Schicksal gewidmet sind, von Alfred Andersch und Günther Anders (dem ein eigener, besonders gelungener Beitrag in „Risse“ gilt). Dabei praktiziert sie die „Unterscheidung der Geister“: „Von der sicheren Warte des Nicht-Juden aus entrollt Andersch stichpunkthaft Benjamins Leben, das er kühl und beinahe mokant mit leichten Federstrichen zusammenfasst. Benjamin wird in dem Gedicht zu jemandem, dessen Leben sozusagen zwangsläufig auf den Tod, auf den Selbstmord hinauslaufen musste,…weil seine „zeit zuende war“ und nicht etwa, weil man ihm von außen nach dem Leben trachtete. Andersch erwähnt nicht, dass sich Benjamin aus Todesangst vor den Nazis umbrachte, anders als Brecht, in dessen Benjamin-Gedicht es heißt: ‘Ich höre, daß du die Hand gegen dich erhoben hast/ Dem Schlächter zuvorkommend‘“. Dagegen hebt Schieb die Schönheit und Wahrheit des Gedichtes von Günther Anders hervor, der aus dem eigenen Verfolgtsein und Verschontsein heraus schreibt:
„Das Vermächtnis
Aber nicht nur ihnen, den
Mördern wächst die Kraft unserer
ermordeten Freunde zu. Sondern auch uns, den
zufällig noch Überdauernden.
Furchtbar füllt sich der Saal der Toten. (Keiner
trat selbst durch das Tor. Sie werden
über die Schwelle geschoben.) Aber in
uns, den spärlich Gewordenen und täglich
spärlicher Werdenden, sammelt sich
täglich dichter das
Vermächtnis der Toten.
Niemand kann vorhersagen, ob
du oder ich als nächster verschwinden. Aber
Einige werden bleiben. Einige
zufällig bleiben.
Wer ist gleich.
Und mit ihnen das Vermächtnis.“
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„Der Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg ist ein sehr tiefer, und wir sollten diesen Zusammenhang auf das ernsteste erforschen und uns vergegenwärtigen; wir sollten nicht aufhören in dem Bemühen, diese Zeit wirklich aus der Tiefe zu verstehen und zu verwahren gegen jede Vorstellung, die den Ursprung unermesslichen Unheils an der Oberfläche sucht, statt unbarmherzig in den Abgrund der Selbsterkenntnis zu dringen.“
Reinhold Schneider
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„Manchmal grüßen Verstorbene
Durch ein träumendes Gesicht.
Weit lehnt es im stillzitternden Tag.
Schönheit dieser alten Augen,
in denen ein versunkener Tag erscheint.
Sterbliche Schönheit dieses Augenblicks,
zitternd vor Vergangenheit.“
Wolfgang Hermann
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„Die Jugend betritt ein Trümmerfeld, auf dem sie ihr Leben bauen soll; Schmerz und Scham müssen sie bewegen, vielleicht auch der Groll auf die Väter, die ihr diese verwüstete Welt vererbt, sie ihr bereitet haben…Napoleon hat einmal gesagt: ‚Für die Kollektivverbrechen ist niemand haftbar.‘ Wir denken nicht so -: es ist unser letzter Stolz, dass wir nicht so denken. Ist der Name einer Familie, eines Volkes belastet, so ist jeder Einzelne, der dieser Familie, dem Volke angehört, aufgerufen, sich einen neuen reinen Wert zu erringen. In diesem Aufgerufensein kann der große erhebende Gehalt eines Lebens liegen. Wir weichen auch dem Wort ‚Sühne‘ nicht aus. Wer sühnen will, hält sich einer Sache wert. Er weiß, dass ihm etwas Unverlierbares eigen ist: Das, was die Heilige Schrift ‚die Krone‘ nennt. Ohne die Krone, das Bewusstsein, Gott anzugehören, sein Ebenbild zu sein, kann der Mensch nicht leben. Es ist das spezifische Zeichen der abgelaufenen Zeit, dass sie dem Menschen seine Krone nehmen wollte. Eine Macht war heraufgekommen, die den Menschen hasste, wie er vielleicht noch nie gehasst worden ist…“
Reinhold Schneider
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Ulrich Eckhardt, Der Moses Mendelsohn Pfad, Berliner Festspiele, 1987
Theodor Fontane, Die Poggenpuhls, erschienen 1896, – ich habe es in einer vergilbten Ullstein Taschenbuchausgabe von 1974 gelesen, die aber einen fantastischen Anmerkungsteil hat, durch den sich z. B. das Prestige der Wohnung an der „kriegsgeschichtlich“ wohlklingenden Straße erschließt: erste Schlacht der Befreiungskriege bei Großgörschen, 1813

Wolfgang Hermann, Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald, Limbus Verlag, Innsbruck, 2013
Jürgen Kaube, Hegels Welt, Rowohlt, Berlin, 2020
Heinz Knobloch, Berliner Grabsteine, Buchverlag Der Morgen, Berlin, 1987
Roswitha Schieb, Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe, Lukas Verlag, Berlin, 2019
Reinhold Schneider, Gedanken des Friedens, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1946
Ingolf Wernicke, Berline Friedhofsspaziergänge, Jaron Verlag, Berlin, 2010
750 Jahre Berlin, Plan der Innenstadt, herausgegeben vom VEB Tourist Verlag, Berlin/Leipzig, 1986

Bettina Klix