Mein Artikel zu Jia Zhang-ke im letzten shomingeki-Heft auf Papier (Nummer 24/2012) hat mit einem Ausblick auf I Wish I Knew (Shanghai Legend) geendet, den ich noch nicht gesehen hatte. Ich setze also fort.

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I Wish I Knew / Hai shang chuan qi (China 2010, 138 Minuten) – stellt die geschichtsträchtige und legendenumwobene Metropole Shanghai in den Mittelpunkt einer Recherche. Der frühere Ruf der Stadt (als ‚Paris des Ostens’ und ‚Sündenbabel’) hängt ja auch damit zusammen, dass die chinesische Bevölkerung ab 1842, als Shanghai zum Freihafen gemacht wurde, bis 1949 mit kolonialistisch gesinnten Ausländern und Abenteurern aller Herren Länder zusammenlebte. (Was jedoch auch bedeutete, dass jüdische Flüchtlinge im ‚International Settlement’ der Stadt vor Hitler erst mal Zuflucht finden konnten. Mein Radioscript „Flucht nach Shanghai. Emigranten berichten aus der Zeit 1938-1945“, SFB 1979, hat davon gehandelt.)
Recherche bedeutet hier: achtzehn Aussagen, direkt vor der Kamera, von Shanghai-Einwohnern, jetzigen und ehemaligen – mit notwendigen Abstechern nach Taipeh und Hongkong (die Fluchtbewegung nach dem Sieg Maos derer abbildend, die es mit der Kuomintang hielten). In genau ausgesuchten Innenräumen treten also ältere Damen und Herren auf, deren persönliche Erzählungen ein Element der chinesischen Geschichte ab 1930 herausheben und aufleuchten lassen – wobei Jia Zhang-ke es darauf anlegt, wie schon in 24 City, auch Filmproduktionen und Kino-Legenden mit aufzunehmen. Zhao Tao (erst Muse und seit 2012 Ehefrau des Regisseurs) gibt mit ihren Gängen von den Strassen aus den Blick frei auf heutige, auch abseitigere Stadtansichten – vieles scheint gerade in einem gewaltigen Umbruch befindlich. Jia Zhang-ke kommt es jedoch, wie gesagt worden ist, weniger auf die Suche nach konkreten Orten an als auf ein „Shanghai in der Erinnerung“.

Mit den fremden Konzessionen in Shanghai gab es auch die gangs, die Banden, sagt Du-Mei-Ru. Über seine gang habe sein von Bodyguards beschützter Vater nie geredet. Er war als Kind dabei, als der Vater ermordet wurde, war unter ihm begraben, als das Auto hochging. 1949 musste die gang Shanghai verlassen.
Wang Pei min trauert ihrem Vater nach, den sie nie gesehen hat. Der war 1942 in die chinesische KP eingetreten und April 1948 bei Studenten- und Arbeiterprotesten von der Kuomintang-Polizei verhaftet und im September hingerichtet worden. Ihre Mutter war da gerade schwanger mit ihr und hat das nie verkraftet. Wang Pei min berichtet von Pressefotos, die gemacht worden seien. Die sind dann auch zu sehen: wie der gutaussehende, junge Mann auf der Strasse abgeführt wird, seine blutige, auf dem Boden hingestreckte Leiche. „Ich habe nie die Liebe meines Vaters zu spüren bekommen“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme.
Zwei gegensätzliche Filmausschnitte setzt Jia Zhang-ke hier ein: To Liberate Shanghai von Wang Bing, 1959, und Red Persimmon von Wang Toon, 1996. Mit letzterem gibt es dann auf Taiwan ein Gespräch über die Flucht: als vor General Tangs Haus in der Nachbarschaft die Wache verschwunden sei, habe man gewusst, dass man Shanghai sofort verlassen müsse.
Chung Hsin-I, deren Mutter Generalstochter war, berichtet über das chinesische matchmaking, also die Konvention der chinesischen Heiratsanbahnung, und die USA-Connections.
Hou Hsiao-Hsien wird ebenfalls auf Taiwan interviewt (bei einer Zugfahrt): Ausschnitt aus Flowers of Shanghai von 1998. Das Buch über die ‚Blumen Häuser’ (die Bordelle) und auch dessen Autor hätten ihn fasziniert (Han Bangqing, „The Sing-Song Girls of Shanghai“, 1894). Im patriarchalen China jener Zeit habe es keine Gelegenheit für Männer gegeben, sich zu verlieben. Alles sei über das matchmaking gelaufen. ‚Liebe’ sei erst populär geworden mit der Gründung der Republik.
Auf Einladung von Tschu En Lai drehte Antonioni 1972 den Film Chung Kuo China. Zhu Qiansheng war als Aufpasser für die Dreharbeiten abgeordnet worden. Er bemängelt, dass Antonioni nur Rückständiges aufgenommen habe, aber das (auf Vorhaltungen) nicht eingesehen habe. Zwei Jahre später sei er verhaftet worden, weil der Film als antichinesisch und antikommunistisch beurteilt worden sei. (Die Pekinger Volkszeitung verurteilte den Film damals unter der Schlagzeile „Tückische Absichten und gemeine Tricks“.) Er selber sei von den Anführern der Roten Garden als Konterrevolutionär behandelt worden. Dabei habe er, sagt Zhu Qiansheng, noch heute keine Ahnung, was Antonioni eigentlich wollte. (Jim Hoberman, bezeichnete den über dreistündigen Film, als der 2017 im MOMA lief, in der New York Times als „Monument“.)
Huang Baomei war „nationale Modellarbeiterin“ in einem Textilbetrieb, d.h. sie wurde landesweit als vorbildliche Arbeiterin herausgestellt. Dazu gibt es, mit ihr, auch einen Filmausschnitt von 1958. Sie berichtet über ihre Begegnung mit Mao und über ihren Besuch der Weltjugendfestspiele in Wien, 1959. Dann ein Gang durch die leere, stillgelegte Fabrik, die in Trümmern liegt.
Überrascht hat mich der Auftritt von Wei Wei – einer älteren, kultivierten, eher zerbrechlich wirkenden Dame, die in einem Friseursalon in Hong Kong interviewt wird und sehr animiert redet. Nämlich (nach über sechzig Jahren!) von den Dreharbeiten zu Xiao Cheng Zhi Chun / Frühling in einer kleinen Stadt von 1948 und vom Film selbst, in dem sie eine Hauptrolle innehatte. Ein unvergesslicher Film! So etwas wie ein ‚Kammerspiel’ im Schatten grosser Ereignisse, das lange in der Versenkung verschwunden war. Es stellt sich heraus, dass der Film als ‚Lückenbüsser’ für ein Studio gedreht worden ist, das gerade nicht ausgelastet war. Auch weil ein Drehbuch noch nicht beendet worden war.
Barbara Fei – die Tochter von Fei Mu, dem Regisseur von Frühling in einer kleinen Stadt – sagt, der Film habe damals keine Anerkennung bekommen, habe als too soft und too gloomy gegolten. Sie berichtet von chaotischen Situationen – die Familie war nach Hong Kong geflohen, aber nach der kommunistischen Machtübernahme nach Shanghai zurückgekehrt. Fei Mu versuchte dort und in Peking vergeblich, einen nächsten Film oder weitere Projekte zu realisieren. 1951 sei er gestorben. Sie selbst habe es Jahrzehnte später in Peking beim ‚People’s Art Theatre’ versucht: man habe sie aufgefordert, ein ‚Bekenntnis’ niederzuschreiben, weshalb die Familie damals Shanghai verlassen habe. Das sei ‚unpatriotisch’ gewesen. Schon von ihrem Vater habe man dasselbe verlangt. No way – sie habe das Land über Kanton verlassen und sei illegal nach Hong Kong zurückgekehrt.

Das sind Ahnungen und Fragmente nur der grossen geschichtlichen und gesellschaftlichen Umbrüche in China von 1930 bis 2010, für die Shanghai wie ein Brennpunkt war.

‚I Wish I Knew’, der titelgebende US-amerikanische Song, wird in Jia Zhang-kes Film in der 40er-Jahre-Originalversion von Dick Haymes wiedergegeben – und zwar bei einem richtig altmodischen Tanztee. Man sieht Zhang Yuansun, einen der 18 Protagonisten, gepflegt mit einer Dame tanzen und später dann, beim Interview, den Song samt den amerikanischen lyrics wiedergeben.
(Ich hatte fälschlicherweise angenommen, der Film würde auf die Version von Nina Simone zurückgreifen, die ihre eigenen lyrics am Piano improvisiert hat. ‚I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free’.)

Der Film endet im China von 2010.
Yang Huaiding (von Changjang Securities) erzählt stolz, wie er sein Vermögen gemacht hat: nämlich, indem er mit Versicherungen und T-Bonds spekulierte. 1988 sei er mit seiner kleinen Familie völlig pleite gewesen. Er berichtet von seinen bescheidenen Anfängen bis hin zu dem 50 Kilo-Koffer mit einer Million Yuan. Die (neoliberale) ‚Reform’ habe ihm da rausgeholfen. Auch hier wieder einer, der nicht ohne Bodyguards ausgekommen ist.
Han Han (1982 geboren) sieht sich begabt mit zwei Fähigkeiten: er sei ein guter Läufer und ein guter Schreiber. Von seinem Buch seien 30.000 Exemplare verkauft worden und er habe einiges an royalties gekriegt. Als dann immer wieder neue Auflagen verkauft worden seien, habe er sich schliesslich sein Wunschauto kaufen können und sei in den Rennstall von ‚Shanghai Volkswagen 333’ aufgenommen worden.
Der Film schliesst mit Zhao Tao und Ansichten des ‚Shanghai World Expo Park’ und des ‚Shanghai World Financial Center’, das grösste seiner Art, bombastische 474 Meter hoch. (Beide sind auch als Sponsoren des Filmprojekts genannt.)

 

Touch of Sin

 

A Touch of Sin / Tiān zhùdìn (China, Japan, Frankreich 2014, 135 Minuten) ist, entgegen dem Anschein, kein Genrefilm – weder Krimi noch Thriller. Sondern: radikale Gesellschaftskritik – es gilt sichtbar zu machen, nicht nur welcher Reichtümer, sondern welche Verbrechen und Gesinnungen durch das sozio-ökonomische System mithervorgebracht werden. Das ist gerade für das ‚kommunistisch’ regierte China besonders heikel, das ja eine besondere Politik Verbrechen und sogar Katastrophen gegenüber verfolgt hat. (Nämlich sie unter der Decke zu halten.) Obwohl Jia Zhang-ke’s Filme seit 2004 auch auf Festland China gezeigt werden können, hat die Zensur A Touch of Sin einen Bann auferlegt dadurch, dass der Film in den Medien nicht besprochen werden durfte. Anstössig scheinen aber gerade nicht die Gewaltdarstellungen gewesen zu sein, sondern der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem sie aufscheinen.
Touch of Sin (Tiān zhùdìng bedeutet wörtlich übersetzt eigentlich ‚Verhängnis’ oder ‚Verderben’) setzt dort an, wo eine Kritik dokumentarisch nicht mehr formuliert werden kann – also das eigene Vorstellungsvermögen ins Spiel kommen muss, um Zusammenhänge und Abläufe von realen Vorfällen zu rekonstruieren, die sich in China in vier verschiedenen Landesteilen abgespielt haben. Die Inszenierung ist hier, über das Faktische hinaus, dazu bestimmt, ein ‚So-könnte-es-gewesen-sein’ in den Raum zu stellen, eine Interpretation – um so vielleicht eine Übereinstimmung der äusseren Realität mit der inneren zu erreichen. Also dem, was sich der nackten Faktizität ‚normalerweise’ entzieht.

In drei der vier Episoden (und vielleicht auch in der zweiten) geht es darum, dass ein in die Enge und Ausweglosigkeit gedrängtes Individuum sich entschliesst, ein gewaltsames Ende zu setzen:
– Dahei, ein Kohlearbeiter in Shanxi, versteht nicht, weshalb das durch die Mine erwirtschaftete Geld nicht dem Dorf oder der Allgemeinheit zugute kommt – und konfrontiert den Buchhalter, den Dorfvorsteher und schliesslich auch den mit dem Privatjet aus Hongkong eingeflogenen Firmenchef vor dem Empfangskomitee mit diesem Vorwurf. Das reicht aus, um ihm noch auf dem Flugplatz eine blutige Abreibung zu verabreichen und ihn daraufhin auch noch zu verspotten. Er steht allein da, ein Brief an des ‚Gerechtigkeitskomitee’ in Peking wird nicht angenommen, die Leute um hin herum haben sich mit den neuen Gegebenheiten arrangiert. Er nimmt ein Gewehr aus dem Schrank, wickelt es in eine Tigerfahne und nimmt blutige Rache.
– Zhou San besucht das Dorf seiner Familie zum Neujahrsfest und Ma’s siebzigstem Geburtstag. Er treibt sich im Land herum, man hat ihn bereits in der ersten Episode gesehen, wie er mit dem Motorrad auf gebirgiger Landstrasse in einen Hinterhalt gerät und die drei jungen Angreifer kaltblütig erschiesst. Seine Frau findet in seinem Rucksack ein Magazin mit Patronen und lehnt das ihr aus Shanxi überwiesene Geld ab. Sie ahnt, dass er auf mörderischer Bahn ist und bittet ihn, im Dorf zu bleiben. Er denkt nicht daran, hat sich drei Tickets besorgt, sagt ihr aber nicht, wohin es ihn als nächstes treibt. In einer anonym bleibenden Stadt angekommen, bereitet er einen Überfall vor – erschiesst auf belebter Strasse ein Paar, das eben aus der Bank gekommen ist. Flieht mit der Tasche der Frau.
– Die dritte Episode ist vielleicht die mysteriöseste, denn es kommen darin auch Schlangen und andere Tiere vor, es gibt eine Asphaltstrasse zwischen Felsen, die zur Gefahr wird – es ist, wie wenn das Animalische in den menschlichen Beziehungen die Oberhand gewänne. Xiaoyu (Zhao Tao) nimmt bei der Kontrolle am Bahnhof gefälligkeitshalber ein Messer an sich, das ihr verheirateter Liebhaber nicht im Gepäck mitführen darf. Im Ort wird sie von dessen eifersüchtiger Frau gestellt und dem sie begleitenden Schläger auf der Strasse zusammengeschlagen. Sie rettet sich in einen Schaustellerwagen und hat plötzlich ein Gezücht von Schlangen zu Füssen. In der Sauna, in der sie als Empfangsdame arbeitet, fragt sie eine Kollegin „Kann ein Tier Selbstmord begehen?“ Zwei Gesellen (den einen hat man schon gesehen als illegalen Mauteintreiber auf der genannten Strasse) haben ein Auge auf sie geworfen und verlangen eine Massage von ihr (nebenan gibt es ein Nachtbordell). Sie weist ihnen die Tür, aber der Hartnäckigere der beiden (der Mauteintreiber) steht immer wieder vor ihr, attackiert sie und schlägt wie ritualisiert zu, indem er schreit „Ist mein Geld nicht gut genug?“ (Dieses Zuschlagen erinnert an die erste Episode, in der ein Pferd wie besinnungslos immer weiter geschlagen wird.) Dann der Befreiungsakt: Xiaoyu steht plötzlich in Kampfpose mit gezücktem Messer vor dem Angreifer und schlitzt ihn auf. Danach sieht man sie in blutiger Kleidung und mit dem Messer in der erhobenen Hand durch die nächtliche Stadt laufen, später mitten auf der Asphaltstrasse zwischen den Felsen – wo ein paar friedfertige Kühe ihren Weg kreuzen. Weiter oben hat ihre Mutter ihre Zelte aufgeschlagen, versorgt dort die Arbeiter, die den neuen Flughafen bauen. Ob sie in ihrer Verwirrung bis zu ihr gelangt, ist ungewiss – sie scheint durch die Gewalt und die Bluttat wie in ein anderes, dunkles Zeitalter eingetreten zu sein.
– Ein grosser Betrieb, es wird maschinell Stoff zugeschnitten. Xiaohui interessiert sich für das Handy, das da liegt – lenkt durch das Gespräch den anderen, der da arbeitet, ab. Der schreit auf, hat sich in die Hand geschnitten. Im Büro macht der essenkauende Chef dem Angestellten klar, dass er gegen das Verbot, Gespräche zu führen, verstossen hat und für den Ausfall an Arbeitsstunden aufkommen muss, also eine Zeit lang gar nichts verdient. Xiaohui will abhauen, erkundigt sich nach Jobs – und wird von einem Kollegen an einen Laden in Dongguan vermittelt, in der Nähe von Hongkong und anscheinend berühmt für sein Nachtleben. In Uniformen mit Fliege gesteckt müssen die Kellner in Reih und Glied die Anweisungen der Direktion wiederholen, etwa die, der Gast sei nicht mit ‚Sir’, sondern mit ‚distinguished guest’ anzureden. Es gibt Shows mit Mädchen in Militäruniformen und freizügigen Glitterkostümen; wenn ein Gast die Asche von seiner Zigarette schnippen will, hat der Kellner mit einem Aschenbecher dazustehen. Xiaohui freundet sich mit einem Mädchen an, verliebt sich und will mit ihr fliehen, wohin auch immer. Sie eröffnet ihm, dass sie eine Tochter hat und Sexarbeit macht. Der ganze Laden ist der reine Horror, ein einziges grosses Bordell – Xiaohui haut wieder ab. Neuer Job, neue Uniform – aber er hat den Kollegen, der ihm den Job in Dongguan verschafft hat, desavouiert, wird von seiner gang bedroht. Der Anführer drückt ihm eine Eisenstange in die Hand: entweder wählt er den Weg der Gewalt oder er ist verloren. Wieder allein, schmeisst er das Eisen weg, steigt in der Massenunterkunft auf die Balkon-Brüstung und lässt sich fallen.
– Epilog. Xiaoyu (aus dem dritten Teil) bewirbt sich um eine Stelle, wird auf ihre Eignung ‚gebrieft’. Die Kurzzeit-Anstellungen in verschiedenen Landesteilen rufen Verwunderung hervor; von einer Frau wird sie gefragt, ob sich etwas mit ihrem Namen verbinde. Sie bejaht.
Sie ist also draussen, erlebt die Aufführung einer traditionellen Theatertruppe, bahnt sich den Weg durch die proletarisch aussehenden Zuschauer. Ein Tyrann herrscht die vor ihm kniende Frau auf der Bühne an, ihre Sünde zu gestehen. Umschnitt auf die direkt in die Kamera schauenden vielen Zuschauergesichter.

Mountains May Depart / Shānhé gùrén (China / Japan / Frankreich 2015, 131 Minuten).

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Die Jahreszahlen des dreiteiligen Films bezeichnen lebensgeschichtliche Stationen: 1999 – 2014 – 2025. Die Vergangenheit eines seit Kindertagen befreundeten Trios – eine Frau, zwei Männer – wird also aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft projiziert.

1999 wird in Fenyang das neue Millenium begrüsst, grosse Menschenmassen sind unterwegs und feiern. Die Drei – die Sängerin/Tänzerin Shen Tao (Zhao Tao) und die beiden Männer Zhang Jinsheng und Liangzi – machen einen Ausflug zum Fluss in Zhangs knallrotem Auto, anscheinend unbeschwert. Beide Männer hegen Aspirationen, dass Shen Tao sich einem von ihnen zuwenden wird. Aber Boss Zhang masst sich durch seinen Status mehr Rechte an: er hat die Kohlenmine für einen Appel und ein Ei gekauft, erscheint am Materialausgabeschalter, wo Liangzi arbeitet, und fordert ihn ultimativ auf, die Finger von Shen Tao zu lassen. Der nennt ihn Grosskotz und sagt ihm, er solle sich augenblicks verpissen. Der Streit eskaliert hinter dem Rücken von Shen Tao, die sich bereits für Zhang entschieden hat – sie ist es, die diesen davon abhält, Liangzi mit einem Sprengsatz in die Luft zu jagen.
Shen Tao sucht Liangzi auf, will die Freundschaft beibehalten, ihn zur Hochzeit einladen – aber der hat seine Sachen schon gepackt, wirft den Schlüssel für das Haus weg und macht sich auf ins Irgendwo – nach Hebi, Henan oder in die innere Mongolei, wie er sagt.
Shen Tao heiratet und kriegt ein Kind, das von seinem Vater Baby Zhang Daole (Dollar) genannt wird.

2014 sind die Drei vierzig. Liangzi fährt als Arbeitsmigrant in eine Mine ein – ein Arzt stellt fest, dass er lungenkrank ist. Mit Frau und Kind reist er zurück in seine alte Heimat, zieht wieder in seine dürftige Behausung. Das Geld für die Chemotherapie fehlt – seiner Frau bleibt nichts anderes übrig, als Shen Tao um Hilfe zu bitten. Diese besucht ihren alten Freund, gibt ihm den Schlüssel für seine Behausung, den sie an sich genommen hat – und überreicht ihm einen Packen Geldscheine. Mit der roten, verstaubten Hochzeitseinladung von damals, die in der verlassenen Bude zurückgeblieben ist, in der Hand macht sie sich auf den Nachhauseweg.
Ihr Vater stirbt unerwartet auf dem Weg zum Geburtstag eines Freundes – sie bittet ihren Mann, von dem sie längst getrennt lebt, den vierzehnjährigen Daole aus Shanghai zum Begräbnis seines Grossvaters nach Fenyang reisen zu lassen. Grosse Entfremdung: Daole lebt in einer ganz anderen Welt, kommuniziert über das Tablet mit seiner ‚Mommy’, freut sich über einen Hauskauf in Melbourne – Shen Tao muss erst wieder zur ‚Ma’ werden und ihn, nicht ohne Zwang, in die Begräbnisriten des Landes einweihen. Daole bleibt nicht unbeeindruckt von der grossen Trauer seiner Mutter, auch die long dumplings (die gefüllten Teigtaschen), die sie für ihn zubereitet, schmecken ihm. Auf dem Weg zum Flugplatz hören beide, den Knopf im Ohr, den Song ‚Take care’ von Sally Yeh, der schon im ersten Teil für das Freundschaftsband des Trios viel bedeutet hat. In einer bewegenden Szene übergibt Shen Tao ihrem Sohn die Schlüssel für ihr Heim – sagt ihm, der dann seinen Kopf an ihre Schulter lehnt, er sei immer willkommen.

2025 spielt ganz in Australien und stellt Daole in den Mittelpunkt, dem ja nichts anderes bleibt, als sich zu seinem Vornamen Dollar zu bekennen. Sein Leben (wie vielleicht das anderer Diaspora-Chinesen) scheint wie suspendiert oder aufgehoben – steht unter dem Zeichen des Identitätsverlusts und der versuchten Identitätsfindung. Er hat seine Muttersprache vergessen, nimmt Chinesisch-Unterricht. Mit seinem Vater, der kein Englisch spricht, liegt er im Streit: der lässt sich völlig gehen, sammelt Waffen und beklagt sich, dass es keinen gebe, den er erschiessen könne. Es klingt auch an, dass er sein Vermögen durch windige Geschäfte und Korruption gemacht hat.
Dollar, der bei einem Lieferservice beschäftigt ist, klingelt zufällig an der Türe von Mia, der Chinesisch-Lehrerin, und bändelt mit ihr, die um einiges älter ist als er, an. (Mia wird gespielt von Sylvia Chang, geboren 1953, einer taiwanesischen Sängerin, Autorin, Produzentin und Regisseurin.) Er will die Freiheit, nach dem Auszug bei seinem Vater, geniessen – stösst aber schnell an Grenzen. Als Mia bei einer Bettszene den Schlüssel sieht, den er um den Hals trägt, und nach dessen Bedeutung fragt, übermannen Dollar die verdrängten Erinnerungen an seine Mutter und führen zu einem Heulkrampf. Als er mit Mia jedoch vor dem Schalter steht, um eine Reise nach China zu buchen, nimmt er verstört Reißaus – die Heimkehr scheint weniger durch geographische Entfernung, als mental verbarrikadiert. Das ganz andere Leben in Australien hat ihn in jeder Hinsicht von China entfernt – er überwindet diese Schranke nicht.
Der Film selbst schliesst mit dem Rücksprung zu derjenigen, die jetzt allein in Fenyang lebt – nochmal sieht man Shen Tao dumplings zubereiten, die erinnerungsträchtige Stelle am Fluss aufsuchen und dort den Song ‚Go West’ der Pet Shop Boys tanzen und singen, der zur Feier des Jahreswechsels 1999/2000 den Film eingeleitet hat.

Johannes Beringer

 

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