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Der Film besteht aus Aufnahmematerial aus dem Jahr 2000 und enthält Material, das für seinen Film L´Encerclement (2008) nicht verwendet werden konnte. Es ist ein langes Interview mit dem französischen Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten Bernard Maris, der vor allem bekannt für seine scharfe Kritik an der dominierenden Ideologie des Neoliberalismus war. 15 Jahre später, am 7. Januar 2015 wurde Maris während des Terroranschlags des Islamischen Staates auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo ermordet. Natürlich kommt mir zunächst Brouillette´s Meisterwerk L´Èncerclement in den Sinn, das vielleicht umfangreichste Filmdokument über die Gefahren des Neoliberalismus. Da ist aber noch etwas anderes, woran ich beim Sehen des Films denken muss. Das Interview findet am selben Ort statt, wo Maris 15 Jahre später sterben wird.

Beide Filme haben gemeinsam, daß man seine Protagonisten nicht nur reden hört, sondern ihnen regelrecht auch beim Denken zusieht. Brouillette gelingt in beiden Filmen der Balanceakt zwischen einem eigenwillig minimalistischen Vorgehen und einer mitreißenden Intensität. Aufgenommen auf 16 Millimeter Material in Schwarz und Weiß, wird der Film immer wieder unterbrochen durch die unvermeidlichen Rollenwechsel. Während es für einen Moment schwarz wird, kann man das Interview auf der Tonspur weiterverfolgen.

In dem Redaktionsbüro von Charlie Hebdo herrscht emsiges Treiben. Es ist manchmal so laut, daß manchmal das Filmteam oder Bernard Maris abgelenkt werden. Für den Zuschauer aber steigert es fast noch die Intensität. Anders als Léncerclement erscheint Oncle Bernard…mehr als eine Erinnerung, ein Vermächtnis und vor allem als eine Hommage an Bernard Maris. Das Wissen um seine Ermordung legt sich wie ein Schatten über den Film, der zu groß ist, als daß man ihn ignorieren könnte.

Die fatale Ideologie, die Konsequenz und den Einfuss der neo-liberalen Ideologie auf jeden Aspekt des öffentlichen und sozialen Lebens (und auf fast alle Kulturen der Welt), wird von Maris mit eindrucksvoll klaren Gedanken formuliert. Maris reflektiert über die Privatisierungen ehemals staatseigener Bereiche wie beispielsweise Post, Kommunikation, öffentlicher Verkehr und Gesundheitswesen und die dubiosen Strategien der kapitalistischen Wirtschaft. Aber der neoliberale Virus geht noch tiefer. Die Pressefreiheit der sogenannten “Informationsgesellschaft” ist bis auf wenige Ausnahmen fest in der Hand dieser dominanten Ideologie. Alles, was Maris erzählt ist nachvollziehbar und wir brauchen nicht lange zu überlegen um Beispiele in unserem Alltagsleben zu finden, und es ist völlig egal, in welchem Teil der Welt wir leben. Ich kann mich noch gut an den Poststreik von 2015 in Deutschland erinnern. Französische Arbeiter sehen sich gerade mit den arbeitnehmerfeindlichsten Reformen der Nachkriegsgeschichte konfrontiert, das deutsche Arbeitnehmer bereits vor vielen Jahren hinnehmen mussten. Beide Attacken zeigen aber auch, daß der neoliberale Gedanke nicht nur die bürgerlichen Parteien, sondern schon längst viele sozialistische und vor allem sozialdemokratische Parteien infiziert hat.

Wie L`Èncerclement, ist auch Oncle Bernard – l’anti-leçon d’économie so verstörend wie dystopische Science Fiction, nur ist dieser Albtraum zu real, um ihm zu entfliehen.             Ein Film ist nicht nur das, was er zeigt, sondern auch, was er hervorruft. So ist es kein Wunder, daß die letzten beiden Filme von Brouillette trotz oder gerade wegen ihres minimalistischen Vorgehens eine schwer zu beschreibende Intensität haben. Es ist ungeheuer spannend, Maris zuzuhören, nicht nur, was er sagt, sondern wie er es sagt. Das ist oft Zorn in seiner Stimme und seinen Gesten. Sein Gesicht, das ja bekanntlich immer zu sehen ist, brennt sich regelrecht ins Gedächtnis. Das ist fast schon Cinéma pur. Brouillette gelingt nicht nur ein eigenwillig politisches Essay sondern er zeichnet gleichzeitig ein Portrait von Bernard Maris.               Was den Film von L´éncerclement unterscheidet, ist daß Oncle Bernard – l’anti-leçon d’économie auch den Charakter der Erinnerung an eine Begegnung hat. Die Momente der Dunkelheit, ausgelöst durch die Unterbrechungen wegen der Rollenwechsel, erinnern an das zerbrechliche aber nicht unfehlbare Gedächtnis der Menschen aber auch an die organische Sterblichkeit des analogen Filmmaterials.

Es gibt einen sehr berührenden Moment, wenn Maris mit seinem Kollegen Jean Cabut (ein weiteres der 12 Todesopfer des Terroranschlags von 2015) redet. Das ist ein kurzes vertrautes Alltagsgeplänkel, so wie Leute reden, die sich fast jeden Tag sehen und schon sehr lange kennen. Diese wundersame kleine Szene aber kol idiert ziemlich heftig mit meinem Wissen um die Ermordung dieser Menschen – 15 Jahre nachdem diese Bilder aufgenommen wurden.

Rüdiger Tomczak