Ohne Titel

Nachdem ich mittlerweile 5 Filme des Griechisch-Australischem Filmemachers Bill Mousloulis gesehen habe fällt mir vor allem auf, wie dünn die Grenze zwischen Fiktivem und Dokumentarischem in seinen Filmen ist. Sein Film Songs of Revolution ist eine filmische Reise durch verschiedene Arten griechischer Musik. Der Film ist auch so etwas wie eine Zeitreise, da sie vor allem von dem Zusammenhang zwischen griechischer Musik und der Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert erzählt.

Der Film beginnt mit einer audiovisuellen Montage. Verschiedene Fernsehkanäle propagieren den verlogenen Traum der Werbespots, andere berichten vom zeitgenössischen Albtraum griechischer Wirklichkeit. Der erste Song (Enough, ein Punk song) begleitet Bilder von Demonstrationen. Der ungefilterte Zorn dieser Punkmusik verbindet sich mit der nackten Wut der protestierenden Menschen. Die ersten verstörenden Momente verweisen auf die Realität von Menschen, die um ihr Überleben kämpfen zwischen Wut und Trauer. Die Pseudo-Wirklichkeit des Neo-Liberalismus und ihr Instrument, das Fensehen, zwischen gefilterter Information und Werbung ist für einen Moment zerbrochen.

Der Film stellt verschiedene Musik-Genres vor, vom Rembetica (oft auch der griechische Blues genannt), die Protestlieder der 1960er und 1979er Jahre, Punk und andere alternative Formen der Rockmusik wie Rap oder sogar experimentelle Formen der Gegenwart.Das passiert in vielen Interviews mit Musikern, Konzertauszügen aber auch in inszenierten Momenten, die wie Fragmente aus einem Musical erscheinen. Die Interviews mit den Musikern geben eine Einführung wie eng die Musik mit griechischer Geschichte in den letzten 100 Jahren verbunden ist. Die Musik erscheint als Ausdruck einer langen Geschichte des Leidens von der Besetzung der Türken, die deutsche Besatzung während der Nazi-Zeit, Bürgerkrieg, Diktatur und schließlich bis zur gegenwärtigen Krise. Man kann sich an dieser Einführung in dem Film orientieren aber während des Verlaufes des Films wird Mousoulis noch andere Zugänge anbieten.

Bill Mousoulis macht nicht einfach irgendwie Filme über etwas; er beobachtet nicht nur, sondern reagiert auf das, was er sieht oder auf die Menschen, denen er begegnet. Dieser Übergang zwischen Dokumentarischem und Inszeniertem kann manchmal recht plötzlich geschehen. Da ist zum Beispiel ein junger Musiker. Erst sieht man ihn mit einer Band zusammen spielen. Später erscheint er in einer inszenierten Szene als Kellner in einem Restaurant, die wie der Auszug aus einem Musical erscheint. Ein anderer Musiker streitet sich mit seinen Eltern. Die Dialoge zwischen dem Sohn und seinen Eltern sind zum Rap-Gesang stilisiert. Beide Szenen verweisen auf die Schwierigkeit von nonkonformistischen Musikern in dieser Welt zu überleben, sie sind aber auch ein Hinweis auf dre Verspieltheit von Bill Mousoulis, der sich ganz frei zwischen Dokument und Fiktion bewegt.Später wird es gespielte Szenen geben, in denen Schauspieler im Playback-Vefahren agieren und mit Gesten die Lieder von anderen neu interpretieren.

Mit seinem Film scheint Mousoulis ein feines Gespür zu haben, wann er sich auf die kalte Präzisionsmaschine Film verlässt und wann er seine eigenen Inspirationen einbringt. So erscheint der Film nahezu organisch und auch die erwähnten Übergängen zwischen Dokumentarischem und Fiktivem, erscheinen nie artifiziell. Mousoulis versucht immer sein “Instrument” seine bildermachenden Apparate auf die ganz unterschiedlichen Arten von Musik einzustimmen, von der er erzählt. Songs of Revolution ist nicht nur ein Film über Musik, er wird oft selbst zu Musik.                                                               Unter den vielen Musical-ähnlichen Szenen, die mit dem Playback-Verfahren arbeiten, gibt es 5 Lieder. Die werden von der legendären Rembetiko-Sängerin Sotiria Bellou (1921-1997) gesungen, und werden von der Schauspielerin Marianthi Koliaki visuell “interpretiert”. Bei einigen dieser Lieder bewegt sie die Lippen synchron, bei anderen, erfindet sie die Geschichten, von denen die Lieder erzählen mit Gesten und Mimik neu. Was Mousoulis aus diesem alten Kunstgriff entstehen läßt ist einfach unglaublich. Während die Lieder vor allem in der musikalischen und sozialen Geschichte Griechenlands verortet sind, sieht man Koliaki durch die Strassen des modernen Griechenlands gehen. Geschichte und Gegenwart Griechenlands sind gleichzeitig gegenwärtig. Koliakis herzzerreissende Darstellung erinnert mich ein wenig and die Lieder von Madhabi Mukherjee in Ritwik Ghataks Meisterwerk Subarnarekha, wo auch hier Mukherjee nicht wirklich singt, sondern Gesang darstellt. Die Tristesse der urbanen Landschaft, durch die Koliaki geht, die Übereinstimmung zwischen der Traurigkeit und der Sehnsucht, die die Songs hervorrufen und Koliakis Körpersprache ist atemberaubend. Das sind diese Momente, wo der Film selbst zu einem Lied wird.

Ein anderer Moment und ein völlig unterschiedlicher formaler Ansatz: Ein Musiker trifft einer sehr alten und berühmten Musiker. Er erzählt ihm, wie sehr er ihn bewundert und daß er ihm ein Lied gewidmet hat. Dann trägt er dieses Lied vor. Dieser scheinbar rein dokumentarische Moment hat seine eigene Schönheit und ja – auch seine eigene Poesie. Er ist auch bezeichnend, wie vielseitig sich Mousoulis den ganz unterschiedlichen Musikstilen annähert. Die wütende Szene vom Anfang des Films mit dem aggressiven Punk-song erscheint in harten kurzen furiosen Schnitten. Andere Momente wie die zum Beispiel die Interviews erscheinen vergleichsweise nüchtern.                            Die Szenen, die an Musicals erinnern ergänzen die anderen Aspekte und ich würde sie als magischer Realismus bezeichnen.Was mich bisher am meisten an den Filmen von Bill Mousoulis fasziniert, ist die dynamische Beziehung zwischen Momenten, die “gemacht” sind und denen, die direkt vor der Kamera geschehen. Mousoulis nutzt manchmal die Optionen, die seine Apparate bieten, manchmal aber scheint er sich ganz darauf zu verlassen, was die Kamera aufzeichnet. Da gibt es eine Szene, in der sich einige Musiker und eine Sängerin in einem Strassencafé treffen. Einer von ihnen stellt jeden Musiker dem anderen vor. Jeder hat sein Instrument mitgebracht und sehr bald fangen sie an, gemeinsam zu spielen. Auch wenn dieser Moment zu denen gehört, die einfach vor der Kamera “passieren”, also ein beobachtender Moment, erscheint er mir als reines Kino. Auf eine ganz andere Art als die tour der Force einer verlorenen Seele dargestellt von Marianthi Koliaki, aber mit der selben Intensität.

Wie so viele gute Filme hat auch Songs of Revolution etwas von einer Reiserfahrung die in mir so unterschiedliche und manchmal widersprüchliche Gefühle und Gedanken hervorruft. Traurigkeit, Wut, die Verbitterung von Menschen, die ums Überleben kämpfen aber auch ihre Vitalität erscheint konzentriert auf diese zwei intensiven Filmstunden. Songs of Revolution ist einmal mehr ein Grund dankbar zu sein für den glücklichen Zufall, der mich mit den Filmen von Bill Mousoulis in Kontakt gebracht hat.

Rüdiger Tomczak

marianthi