If anything is sacred, the human body is sacred.” (Walt Whitman)

Am Anfang sind die Wellen des Ozeans zu sehen. Es ist ein Strand in Goa, ein populäres Urlaubsziel für Inder sowie für ausländische Touristen. Der Off-Kommentar von Anamika Bandopadhyay erzählt von diesem Ort und von dem Wohlgefühl beim Trinken von Kokoswasser. Sie erinnert sich an Geschichten, die ihr ihre Großmutter einst erzählte. In einer Sanddüne am Strand sitzen eine alte Frau und ein heranwachsendes Mädchen, das eine Sonnenbrille trägt. Für einen kurzen Moment erscheint das Bild als eine Idylle, hervorgerufen durch eine Erinnerung, wie sie Marcel Proust ein seinem Meisterwerk “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” beschreibt. Das Kokoswasser erscheint hier als das Pendant zu Proust´s Madeleines.

Die nächste Szene des Films erscheint wie ein harter Kontrast: Zeitungsüberschriften berichten von der Gruppenvergewaltigung der jungen Inderin Jyoti Singh Pandey vom 16. Dezember 2012 der den Tod des Opfers zur Folge hatte. Bilder von wütenden demonstrierenden Frauen erscheinen. Kurz danach häuften sich weitere Berichte über Gruppenvergewaltigungen in ganz Indien. Zum ersten Mal wird in Indien öffentlich über Vergewaltigung diskutiert. Die Täter, die sich lange in Sicherheit wähnten werden öffentlich angeprangert.                                                                                                         Anamika Bandopadhyay erwähnt, das es in Indiens Schulen keinen offiziellen Aufklärungsunterricht gibt. Ihr Sohn hat bereits im Alter von 11 an einer Schule in den USA Aufklärungsunterricht gehabt. Die Regierung in Indien lehnt Sexualaufklärung ab, das “sie sich gegen die Indische Tradition” richtet. In Deutschland beispielsweise (und das Land ist wahrlich kein Vorreiter in diesem Fall) war Sexualaufklärung schon 1975 als Bestandteil des Biologieunterrichts vorgeschrieben. “Was ist die Indische Tradition” fragt Bandopadhyay und ihre filmische Reise zu Orten und Zeiten der Indischen Geschichte beginnt.

In den Filmen von Anamika Bandopadhyay, die ich bisher gesehen habe” ist es unmöglich die Poetin, Wissenschaftlerin, Menschenrechtlerin und Filmemacherin voneinander zu trennen. Wie in ihren anderen Filmen Red (2008 oder 1700 Kelvin (2012) ist sie mit ihrer ganzen Person involviert.

The Third Breast ist ein Filmessay über die Widersprüche der Indischen Geschichte der Sexualität.Auf der einen Seite das Tabu von Sex in Kultur, Ausbildung und Erziehung, auf der anderen Seite brutale Unterdrückung von Frauen, die in Gruppenvergewaltigungen ihren häßlichsten Ausdruck haben. Vergewaltigungen, von Politikern oft als “Unfälle” verharmlost, erscheinen bald als eine Frauenfeindlichkeit, die tief verwurzelt in der kolonialen und post-kolonialen Geschichte Indiens liegt. Mit ihrer Frage, “was ist die Indische Tradition” geht die Filmemacherin zurück in die entfernte Vergangenheit ihres Landes. Interviews mit Wissenschaftern, Menschenrechtsaktivisten und Studenten arbeitet sie diese Frage in verschiedenen Facetten auf. Ein wesentliches Element ihrer Suche ist der Vergleich zwischen einer relativ liberalen Einstellung zur Sexualität im Indischen Mittelalter and ihre absurde Unterdrückung im modernen Indien. Die alte Einstellung oder besser das alte Wissen über Sexualität ist dokumentiert in Texten, Malerei, Skulpturen und Poesie. Zumindest einige der erotischen Skulpturen in Hindu-Tempeln, die ganz eindeutig sexuelle Akte darstellen, sind heute noch zugänglich und belegen, daß es einmal eine sehr andere Einstellung zur Sexualität gegeben haben muß. Man muss das nicht auf die Kama Sura-Schriften reduzieren, denn es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Indien zu den Ländern mit dem ältesten Wissen über den menschlichen Körper gehört. Während wir lernen, das Sexualität eine ganze Menge mit “Indischer Tradition” zu tun hat, arbeitet Bandopadhay mit unterschiedlichen Elementen, wie Interviews, Kollagen und Bildern aber auch oft mit einer gewissen Verspieltheit. Neben ihrer Recherche spielt auch die direkte Erfahrung ihrer Reise zu Orten und Zeiten Indischer Geschichte eine wesentliche Rolle und sie erinnert immer wieder daran, daß sie als Filmemacherin immer auch Teil dieser komplexen Geschichte Indiens ist. Das ist in ihren Bildern immer gegenwärtig.

Die Texte von Geet Govinda, die erotischen Skulpturen in vielen Tempeln die sexuelle Aktionen beschreiben oder visualisieren gibt es auch alte Texte die sogar die sexuellen Handlungen zwischen den iconischen (unverheirateten) Göttern Radha und Krishna beschreiben. Der Film ist also eine Gegenüberstellung von Bildern aus der Indischen Kultur als Beweise gegen eine widersprüchliche Ideologie die sich heute im post-kolonialen Indien etabliert hat Und in dieser Konfrontation von dominierenden und unterdrückten Bildern, von unterdrückten Wahrheiten des Menschseins arbeitet Bandopadhyay mit einem wesentlichen Element des Films, der Präsentation von Bildern.

Es sind auch kleine Episoden eingewoben wenn beispielsweise die Filmemacherin direkt vor der Kamera zu sehen ist. In einer davon erklärt sie einem Andenkenverkäufer in Varanasi das ein bestimmtes Souvenir den Penis eines Hindu-Gottes symbolisiert. Das verstörtt nicht nur den Verkäufer, sondern auch einen indischen Kunden, der sich dann weigert, dieses Andenken zu kaufen.                                                                                                 Auch in einer Gruppe von aufgeschlossenen jungen Leuten rufen Bilder von nackten Göttinnen und die Darstellung ihrer Geschlechtsmerkmale bei einigen Unbehagen aus. Paradoxerweise erscheinen offensichtliche Hinweise auf die “Indische Tradition” bei Indischen Zeitgenossen als fremd und exotisch. Einige Eltern, erzählt Bandopadhyay vermeiden es, mit ihren Kindern diese Tempel mit ihren eindeutigen Darstellungen sexueller Handlungen zu besuchen.

Was mir am meisten gefällt, ist, daß Bandopadhyay trotz ihres Beteiligtseins niemals voreingenommen ist. Einige ihrer “Entdeckungen“ werden auch mit viel Witz präsentiert. Es sind auch ihre Fragen, die den Film so spannend machen und uns näher an die Wahrheit bringen als hastige halbgare Antworten.

Das gibt es beispielsweise einen Moment, in dem erwähnt wird das die Menstruation im alten Indien allgemein als Zeichen der Reinheit einer Frau betrachtet wurde. Tempel mit Statuen von nackten Göttinnen wurden für vier Tage im Monat geschlossen, wenn die Göttin “menstruiert”. Später wurde dieses Symbol von Reinheit und sogar Göttlichkeit zu einem Zeichen von Unreinheit deformiert und von da an war der Zugang zu Tempeln für menstruierende Frauen verboten. Was hat diese Einstellung verändert? Ein Hinweis erscheint in einem Interview, wo von einer fatalen Kombination zwischen der Prüderie der britischen Eroberer und der der Brahmanen -Kaste die Rede ist.

Die Stämme der indischen Ureinwohner waren lange Zeit unbeeinflusst von der dominierenden Sexualmoral Indiens. Die Frauen hatten grössere Freiheiten, ihre Partner zu wählen oder sich von ihnen wieder zu trennen. Aber auch diese Spuren eines ganz anderen Indiens sind fast verschwunden. Eine andere Erklärung (formuliert in einem Interview) ist die Bewegung der extremen Rechten in Indien, die in den 1930er Jahren entstand, ihre Inspiration aus einer völlig verzerrten Hindu-Ideologie zieht und auch die Herabwürdigung von Frauen und die Diskrimierung der untersten Kasten enthält.

The Third Breast bietet unterschiedliche Zugänge zu einem bestimmten Aspekt Indischer Kultur und gibt eine Ahnung von der Komplexität dieser Zivilisation. Neben dem analytischen Aspekt enthält der Film auch immer wieder “Caméra stylo”-Elemente. Der Film ist eine Innenansicht und lässt niemals Zweifel darüber aufkommen, daß hier eine Frau von ihrer Kultur erzählt.Wie in der unglaublichen Trilogie über die Teilung Bengalens by einem ihrer spirituellen Mentoren Ritwik Ghatak geht es in The Third Breast auch um globale Geschichte und die Auswirkungen auf das Individuum.

Es sind die Fragen der Filmemacherin, die Raum für neue Wahrnehmungen öffnen. Auch wenn sie religiösen Fanatismus attackiert – The Third Breast enthält kein pauschales Statement gegen Religion an und für sich, weist aber immer auf ihren Missbrauch und ideologische Verzerrungen hin. Besserwisserei wird man in Anamika Bandopadhyay´s Filmen nicht finden. Das lässt ihre Filme immer auch unbewaffnet und verletzlich erscheinen. Der unglaubliche Moment in ihrem Film Red, wo sie eine mißhandelte Frau tröstet, ist ein sehr schönes Bild für ihre “Einstellung”.

Einmal sieht man sie in dem alternativen Tempel Devipuram. Der Tempel wurde von einem Atomphysiker gegründet. Es ist ein Tempel in dem Frauen angebetet werden. Wir sehen, wie sie von Tempeldienerinnen gewaschen wird.Das ist wieder eine der geschützten Zonen für Frauen in diesem Film. Am Ende sieht man wieder die alte Frau und das Mädchen mit der Sonnenbrille am Strand. Das poetische Bild einer Erinnerung an ihre Großmutter und eine andere dieser “geschützten Zonen” für Frauen in diesem Film, wo Unterdrückung oder Gewalt für einen Moment aufgehoben ist. Dieser Moment erinnert mich auch an eine Szene in einem älteren Film von Bandopadhyay, Rough Cut. Das sind wunderbare fünf Minuten, die einzigen, die von dem Film erhalten sind, Und nur auf ihrem Youtube-Kanal zu sehen sind) da der komplette Film entweder verschollen oder vernichtet wurde: Ein Mann und ein heranwachsendes Mädchen in einem Hindu-Tempel. Der Mann malt oder restauriert eine SkulpturDas Mädchen stellt sich auf ihre Zehen, streckt sich, um die Statue einer nackten Göttin zuberühren. Sie vermisst die Proportionen der Skulptur, berührt sie und vergleicht die artifiziellen Proportionen mit ihren eigenen. Ihre Aktionen erscheinen wie unausgesprochene Erfahrungen. Wann immer ich versuche meine Bewunderung für die Filme von Anamika Bandopadhyay zu artikulieren. kommt mir dieses Fragment aus einem vielleicht für immer verlorenen Film in den Sinn.

Am Ende des Films erzählt Bandopadhyay aus dem Off die Geschichte der Göttin Meenakshi, die ihr die Grossmutter einmal erzählt hat. Meenaksi ist mit drei Brüsten geboren. Die Eltern waren besorgt über diese “Missbildung” und erzogen sie wie einen Jungen. Einige bezeichnen die drei Brüste nicht als Missbildung aber als eine zusätzliche erotische Anziehungskraft oder als größere Stärke. Mit diesem Bild der alten Frau und dem Mädchen mit der Sonnenbrille vor dem Hintergrund der Meereswellen endet der Film. Obwohl sie in dem Bild direkt der Naturgewalt des Ozeans ausgesetzt sind, ist das Bild wie eine geschützte Zone. Das ist ein flüchtige Moment in einem Film, der uns so viel von einer verstörenden Welt erzählt hat, in dem Frauen um jedes bißchen Raum kämpfen müssen.

The Third Breast ist ein anderes Beispiel für engagiertes Kino, das nicht nur belehrend , sondern gleichermaßen mitreissend ist. Zorn aber auch Zärtlichkeit, die keinen Moment der billige Sensation geopfert wird. Ich vertraue diesen Bildern, da sie mir als Manifestationen von wirklichen Begegnungen, wirklichen Erfahrungen and wirklichen Gedanken erscheinen.

Rüdiger Tomczak