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Zu Olivier Assayas Film „Après Mai“(2012), (der ungeschickte deutsche Titel lautet „Die wilde Zeit“) fand ich nur einen Zugang durch eine kleine Szene, von der ich mir wünschte, sie hätte viel länger gedauert, aber durch das, auf das sie verwies, sich dann doch ausdehnte und vertiefte. So dass ich in meiner Erinnerung nur dort in den Film wieder einsteigen kann.

Eine junge Frau, Leslie, wird in ein Haarlemer Museum geschickt, in dem sie sich zwei Bilder von Frans Hals ansehen soll. Der junge Mann will sie eigentlich begleiten, da der Grund der Reise nach Holland eine Abtreibung ist, was Leslie aber ablehnt. So gibt er ihr ein Buch des Dichters Paul Claudel in die Hand, was als ein seltsamer Ersatz erscheint und weist sie auf einen Text darin hin, der die beiden Gemälde beschreibt. Zuerst können wir Zuschauer uns nicht recht vorstellen, dass Leslie dieser Empfehlung folgt, doch dann sehen wir sie, leider viel zu kurz im Museum. Es handelt sich offenbar um Spätwerke von Frans Hals. Über die Veränderung, die mit dem Menschen und Maler vor sich gegangen war, hat John Berger in „Das Leben der Bilder“(deutsch 1981) einen erschütternden Text geschrieben „Frans Hals und der Bankrott“.

Paul Claudel hat in seinen Schriften über die Malerei die Grenze beschrieben, die durch die holländische Malerei und Frans Hals auf seine ganz besondere Weise bezeichnet wurde:

„Eine chinesische Legende erzählt,wie ein Abgesandter der Han-Kaiser, der sich eines Tages in den Bergen im dichtesten Nebel verirrte, plötzlich vor einer halbverfallenen Stele stand, auf der er mit großer Mühe die Inschrift entziffern konnte: Grenze zweier Welten. Es ist nicht gerade der Nebel, der in Amsterdam fehlt, noch mitten in einem Mäandergeschlinge von Kanälen dieses Ineinanderübergehen von Illusion und Wirklichkeit…, noch das Bild, das eine lauernde Wasserfläche uns von allen Dingen liefert, verlassen wir doch nie ihr Ufer, diese Verdoppelung, die sie von allem bewerkstelligt, und dieses Gespenst, in das sie uns verwandelt, sobald wir uns über sie beugen. Grenze zweier Welten! Finden wir sie nicht auf einer anderen Ebene in den Museen wieder unter dem flüchtig spiegelnden Glanz und Firnis, wenn wir unsere schwankende Gegenwart gegen jene Bildnisse halten, die die Kunst am Fenster der Vergangenheit zur Starre gebannt hat. Wie wirklich sie doch sind. Wie gut sie ihre Pose einhalten, wie kleben sie doch an ihrem eigenen Fortbestand! Sie machen, wie wir so treffend auf französisch sagen acte de présence. Ich will damit sagen, dass sie nicht nur eine Gegenwärtigkeit bilden, sie üben sie tatsächlich aus: durch sie hindurch stellt sich eine wirksame Solidarität ein zwischen uns und der Welt dort im Hintergrunde, die von der Sonne bereits verlassen ist. Wir tragen in uns genügend Vergangenheit, um sie mit der ihrigen zu verschmelzen, und die Verfahrensweise, deren wir uns bedienen, um unserem eigenen Dasein zu genügen, ist dieser Nutzbarmachung der Dauer nicht fremd. Zwischen Lebenden und Toten ist dank dieser Abdrücke der Verkehr noch nicht eingestellt.“ *

(Es scheint, als denke Claudel hier auch über das Kino nach. Auch dies ein Ort, wo der Verkehr zwischen den Lebenden und den Toten noch nicht eingestellt ist.)

Ob der Museumsbesuch oder die Lektüre des christlichen Autors Leslie berührt haben, erfahren wir nicht. Wir sehen nur, dass sie, als sie zurückkehrt, die Berührung ihres Freundes zurückweist, ihr Blick, der früher vor allem auf eine verwöhnte Weise unbestimmt war, scheint sich jetzt egoistisch und illusionslos auf das zu besinnen, was ihr noch möglich ist, wenn sie ihren Weg allein fortsetzt. Sie hat sich entschlossen, in die USA zurück zu gehen und ihr Studium wieder aufzunehmen. Für mich ist das die traurigste Szene des Films, weil sie den Bankrott der Beziehung zeigt: Das was zwischen ihnen hätte entstehen können, wurde mit dem ungeborenen Kind getötet. Aber sie scheinen es beide nicht zu wissen.

*Paul Claudel in „Grundzüge der holländischen Malerei“, zitiert nach Der Strom. Ausgewählte Prosa, 1955

Bettina Klix

 

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