Nach fast 6 Jahren gibt es eine neue Ausgabe von shomingeki, die Ausgabe 25 und die erste Online-Version.

Zum einen ist das so etwas wie ein Neuanfang, zum anderen eine Möglichkeit, die Zeitschrift nach einer langen Pause fortzusetzen. Wahrscheinlich wird in zukünftigen Ausgaben auch wieder über aktuellere Filme zu lesen sein. Nach der langen Pause erscheint es mir allerdings angemessen, auch auf Filme einzugehen, die in dieser Zeit zu sehen waren und leider sehr schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind.

Von Michael Schleeh, dem Herausgeber des Schneeland-blogs gibt es einen ausführlichen Text über Tonari-Yae-chan (Unsere Nachbarin Miss Yae, Yasujiro Shimazu, Japan: 1934). Das ist nicht nur einer der schönsten Filme aus Japans erster filmischer Blütenzeit, sondern auch einer der entscheidenden Wegbereiter des Japanischen Kleinbürgerfilms. In Japan ist der Film schon lange ein unbestrittener Klassiker. Der Film muss einen riesigen Einfluss auf den shomingeki-Film gehabt haben und auf eine ganze Generation von jüngeren Regisseuren wie Ozu, Naruse, Shimizu oder Gosho. Aus einem Genre innerhalb des japanischen Studiosystems wurde eine Bewegung, eine Neue Welle.

Der Amerikaner Terrence Malick hat in den letzen 6 Jahren vier weitere Spielfilme (ein fünfter ist bereits fertiggestellt) und einen Kurzfilm herausgebracht. Die Filme bestätigen, daß Malick seit The Tree of Life weit über das hinausgegangen ist, was seine ersten beiden Filme aus den Siebziger Jahren versprachen. To the Wonder gehört für mich zu den unterschätzten Meisterwerken dieses Jahrzehnts. Malick hat in sehr kurzer Zeit nicht nur die letzten großen Epen des amerikanischen Kinos geschaffen,  sondern auch einige der persönlichsten Filme der des zeitgenössischen Kinos hervorgebracht.

Drei Texte von Bettina Klix sind hier zu finden. Zwei weitere Texte aus der Reihe Schwarze Serie beziehungsweise Weiße Serie und ein Text über Aprés Mai von Olivier Assayas. Der Text zu dem Film von Assayas erinnert daran, daß es oft kleine Momente sind, die einen Zugang zu einem Film ermöglichen. Mit kurzen und längeren Texten hat Bettina Klix shomingeki seit 2002 immer wieder bereichert. Oft sind es ganz winzige Beobachtungen, die einen dazu anregen, einen Film (wieder-) zu sehen.

Dann  gibt es noch einen Text zu einer Szene aus einem Film von Aparna Sen (Iti Mrinalini) und einen langen Text zu Dutta Vs Dutta von Anjan Dutt, der auch als Schauspieler, Liedermacher, Sänger besonders im Indischen Westbengalen bekannt ist.  Ich habe Anjan Dutt während meiner letzten Indien-Reise als Filmemacher für mich entdeckt. Dutta Vs Dutta verschwand aus für mich unbegreiflichen Gründen nach kurzer Zeit aus den Indischen Kinos. Meine erste Begegnung mit dem Film war allerdings so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.

Eine sehr traurige Nachricht hat mich die letzten Wochen sehr deprimiert: Am 11. Mai dieses Jahres starb mein Freund, der Filmkritiker Toshiyuki Matsushima nach schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren in Tokio. Von 1987 bis 2011 gab es keine Berlinale, wo wir uns nicht regelmäßig getroffen hatten. Er hatte mich auch 2009 zauf meiner Wallfahrt zum Grab von Yasujiro Ozu begleitet.

Obwohl der Text von Michael Schleeh über Yasujiro Shimazu´s Meisterwerk schon lange für eine Ausgabe von shomingeki im Gespräch war, habe ich mich plötzlich daran erinnert, daß Tonari no Yae-chan einer der japanischen Filme war, die Toshiyuki am meisten geliebt hatte – und einer der wenigen Filme überhaupt, bei denen wir uns einig waren.

Rüdiger Tomczak

 

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