„Sie hat sich aufwärmen wollen, sagte man; niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.“
Dieser letzte Satz aus Hans Christian Andersens Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“, mit dem Rüdigers Tomczaks Text beginnt, brachte mich zurück zu einem Moment der Verstörung, von dem am Ende der Betrachtung explizit die Rede sein wird. Obwohl in diesem ersten Zitat doch von dem die Rede ist, was das Märchen sprengt und die Himmelsperspektive eröffnet. Aber ich konnte mich daran nicht mehr erinnern und hatte es als Kind überhört oder überlesen. Ich sah immer nur das tote Mädchen, sah also nur das, was die verständnislosen Menschen sahen, die sie fanden. Die schlimmstmögliche Wendung also.
Rüdiger Tomczak erzählt eine Szene aus dem Film von Aparna Sen nach: Der Blick der Hauptfigur, einer einsamen Lehrerin durch das Fenster eines Hauses, in dem ein Fest zugange ist, von dem sie ausgeschlossen ist: Durch die Außensicht entsteht eine kinoartige Situation: „Und das, was diese „Leinwand“ offenbart, erscheint wie die genaue Projektion dessen, wovon die alte Frau träumt, eine Feier mit Menschen, das Gegenteil ihrer Einsamkeit und Isolierung. Aber die Feier findet ohne sie statt, und niemand vermisst sie. Wie angewurzelt starren wir mit Miss Stoneham auf diese „Leinwand“. Dann bewegt sich die Kamera rückwärts und die große Leinwand wird wieder zum winzigen Guckloch auf der beschlagenen Scheibe. Diese Szene ist für mich schwer zu verkraften. Sie ist einerseits ein hochkonzentriertes Beispiel von reinem Kino, andererseits erleiden hier die Sehnsüchte einer einsamen Frau den Kältetod. Das Verträumte, dieser Blick in ein festlich beleuchtetes Zimmer zieht sich plötzlich zusammen zu der desillusionierten Erkenntnis von Einsamkeit, wie ich es nur aus ganz wenigen Filmen kenne.“
Wie er es mit dem Wort „Kältetod“ vorwegnimmt, sieht Rüdiger Tomczak hier eine überraschende Parallele zum Märchen von Andersen: Die Einsamkeit, den Sehnsuchtsblick und das Sterben (der Hoffnung). Durch seine Beschreibung der Parallel-Szene bei Aparna Sen hatte ich mehrere überraschende Einsichten:
1. In Andersens Märchen gibt es vorgebildet etwas, was einmal das Kino werden würde, aber vorweggenommen in einem „Bild des Jammers“ und um den Preis des Todes. Das Mädchen, das den ganzen Tag keine Schwefelhölzchen verkauft hat, will sich zuerst nur an einem Holz die Hände wärmen, und streicht es an der Hauswand an, neben der sie sich ausruht. Es kommt aber mit der kurzen Wärme auch der Beginn einer Vision eines heißen Ofens zu ihr. Just als sie ihre Füße danach ausstrecken will, um diese auch zu wärmen, verschwindet alles. Nun muss sie das nächste Hölzchen opfern, und in diesem Moment entsteht die Leinwand. „Mit einem zweiten wurde an die Wand gestrichen. Es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier, sie konnte in das Zimmer hineinsehen.“ Der Hunger zaubert dann richtiges Kino herbei, komisches Kino, das einen Disneyfilm vorwegzunehmen scheint: „Auf dem Tisch war ein schneeweißes Tischtuch ausgebreitet, darauf stand glänzendes Porzellan, und herrlich dampfte die gebratene Gans, mit Äpfeln und getrockneten Pflaumen gefüllt. Und was noch prächtiger anzusehen war: die Gans hüpfte von der Schüssel herunter und watschelte auf dem Fußboden, Messer und Gabel in der Brust, bis zu dem armen Mädchen hin. Da erlosch das Schwefelhölzchen, und es blieb nur die dicke, feuchtkalte Mauer zurück.“ Mit jedem Hölzchen, das nicht ängstlich abgezählt, sondern im Dienst der Vision angezündet wird, tritt das Mädchen in diese andere Welt ein, den Hunger vergessend, zunächst über das Strahlen eines Weihnachtsbaums, dann beim nächsten Blitz durch die Vision ihrer gerade verstorbenen Großmutter. Weil sie dieses Bild festhalten will, streicht sie die letzten Hölzchen an und bittet die Großmutter sie mitzunehmen. „Und die Schwefelhölzchen leuchteten mit einem solchen Glanz, dass es heller wurde als mitten am Tage.“ Die Großmutter nimmt das Mädchen auf ihre Arme „und beide flogen in Glanz und Freude so hoch, so hoch; und dort oben war weder Kälte noch Hunger noch Angst – sie waren bei Gott.“ Tomczak schreibt: „Der schreckliche Gegensatz zwischen dieser wundervollen Vision und dem nächsten Morgen, der Verständnislosigkeit der Menschen beim Anblick des erfrorenen Mädchens, hat mich als Kind sehr verstört.“
2. Ich erkannte beim Nachlesen des Märchens, dass ich gerade diese Himmelfahrt des Mädchens komplett vergessen hatte. Das war für mich in meinem Erwachsenen-Ich und als gläubige Christin noch verstörender! Ich hatte das Ende des Märchens nur so in Erinnerung wie es sich in der Außensicht der verständnislosen Menschen zeigte. „Sie hat sich erwärmen wollen.“ Und dieser schreckliche Satz: „Die Neujahrssonne ging auf über der kleinen Leiche.“
3. Ich erkannte, dass ich vor diesem Märchen als Kind nicht nur Angst hatte, sondern dass es mich wütend gemacht hatte. Ich fühlte, dass ich noch immer wütend war. Wütend auf die lieblosen Gegen-Figuren der Geschichte, die diesen verfrühten, erbärmlichen Tod verursacht hatten, aber auch Wut auf den Märchenerzähler!
4. Ja, ich glaube, ich habe das Märchen gehasst. Aber das hätte ich nie gesagt und es war mir auch nicht bewusst. Alles empörte sich in mir über diesen Tod.
5. Die überwältigende Traurigkeit aber war das Schlimmste von allem.
6. Ich begriff nun: Ich habe mich komplett mit dem Mädchen identifiziert.
7. Möglich auch, dass ich damals nicht an den Himmel glaubte. Der einzige nahe Verwandte, der in meiner Kindheit starb, mein Urgroßvater, zu dessen Beerdigung wir Kinder nicht mitgenommen wurden, war womöglich jemand, von dem man nicht sicher war, an welchen Ort er nach seinem Tod gekommen war.
8. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass in meiner Kindheit über irgendjemanden gesagt wurde: „Er ist im Himmel.“
Rüdiger Tomczaks Text hat mir den Mut geschenkt, in den Abgrund der Traurigkeit zu steigen und mit diesen Erkenntnissen ans Licht zu kommen. 

Bettina Klix