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I

Das sind Dinge, die man entdeckt, wenn man in die Welt hinaus wandert: indem man das Leben anderer Menschen kennenlernt, beginnt man das eigene in einem neuen Licht zu sehen.“ (aus dem Roman Geh, zügle den Sturm von Joan Aiken)

Ich bin einer seltsamen Intuition gefolgt als ich mir den Film in einem der schönsten Filmtheater in Berlin, dem „International“ zum ersten Mal angeschaut habe. Ich hatte nicht erwartet, daß mich der Film so bezaubern, berühren und nachhaltig beschäftigen sollte. Ich mußte mir 303 kurz danach ein zweites Mal ansehen.

Der Film ist vor allem ein Road Movie, jene nicht so eindeutig zu definierende Genremischung, wo die Filme gleichbedeutend sind mit den Reisen (den geographischen wie den seelischen), von denen ihre Bilder erzählen. Natürlich ruft das in mir zuerst einmal Erinnerungen an Reisen hervor, die ich selbst einmal gemacht habe wie etwa endlos lange Autofahrten mit Freunden in Frankreich oder Kanada. Gleichzeitig haben diese Filme auch immer mit meiner Liebe zum Kino zu tun. Oft sind es ein Zug, ein Auto, oder wie hier ein altes Mercedes-Wohnmobil, die als Metapher für die Maschinen stehen, mit denen Filme gemacht und projiziert werden. Doch zunächst einmal sind es Erinnerungen an meine Campingreisen, die der Film in mir hervorruft. Das war in einer Zeit, als die beiden jungen Hauptdarsteller noch nicht einmal geboren worden sind. Das alte Campingmobil soll 30 Jahre alt sein und es verbindet mich auf seltsame Weise mit den jungen Leuten, die meine Kinder sein könnten.

Dieses seltsame Gefühl von Erwartung vor einer langen Reise, das Versprechen von Freiheit und unendlichen Möglichkeiten kam zurück und hat mich, während ich den Film sah, gefühlte 30 Jahre jünger gemacht. Der Film und die Metapher für seine Maschinen sind für mich zur Zeitmaschine geworden, nicht allein in dem, was sie zeigen sondern auch in dem, was sie in mir hervorrufen.

Es gibt sehr viele Dialoge in diesem Film, die Weingartner über Jahre hinweg aus unzähligen Videointerviews mit jungen Leuten herausgearbeitet hat. Man kann es in vielen Interviews mit Weingartner nachlesen. Die Dialoge sind vorgegeben wie wie ein Rahmen, der dennoch niemals starr und unbeweglich erscheint. Sie wirken auch niemals künstlich oder gewollt, sondern wie gedacht, gefühlt und ausgesprochen von den jeweiligen Darstellern.

Das gilt auch für die Geschichte einer Reise, die genau so geplant und vorbereitet wurde. Doch auch hier ist die Wirkung fast entgegengesetzt. Es scheint als habe Weingartner einige Situationen entworfen, aus der sich alles weitere wie von selbst entwickeln wird:

  1. Jule ist Biologiestudentin. Gerade ist sie durch eine Zwischenprüfung gefallen. Im übrigen weiß sie, daß sie seit ein paar Wochen schwanger ist. Also steigt sie in das Campingmobil, das sie von ihrem toten Bruder geerbt hat und bricht auf nach Portugal, um ihren Freund über ihre Schwangerschaft zu informieren.
  2. Jan ist Politikwissenschaftsstudent und hat dieses Semester ebenfalls nicht allzu erfolgreich abgeschlossen. So will er sich per Anhalter und Bus auf den Weg nach Spanien machen, um seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Nach erfolglosem Bemühen eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, trifft er auf einer Raststätte Jule, die ihn ein Stück mitnehmen will. Doch schon bald streiten sie sich nach einem scheinbar unverfänglichen Gespräch und trennen sich wieder.
  3. Der dritte erzählerische Ausgangspunkt, wenn wir wollen, die dritte Eröffnungsszene, findet erneut auf einem Rastplatz statt. Zwar hat Jan eine andere Mitfahrgelegenheit gefunden, hat aber sein Handy in Jules Auto vergessen. Tatsächlich sieht er ihren Campingbus auf diesem Rastplatz, klopft an und verhindert im letzten Moment, daß Jule von einem aufdringlichen Fremden vergewaltigt wird. Von jetzt an setzen sie die Reise wieder zusammen fort. Und genau von her an scheint der Film sich wie von selbst weiterzubewegen, ohne große Wendungen und so zuverlässig wie das alte Wohnmobil. Die Geschichte der Reise von Jule und Jan kann jetzt in Ruhe vor sich hin fließen.

Das ist sehr ähnlich wie in einem anderen grossen Road Movie, Aparna Sen´s Mr. And Mrs. Iyer. Beide, Aparna Sen wie Hans Weingartner spielen mit Traditionen und Konventionen des Road Movies, entwickeln aber daraus sehr schnell frei von Zitatensammlungen und Referenzen ihre ganz eigene Handschrift. Filmgeschichte wird nicht geplündert, sondern ein sehr vielschichtiger Dialog entsteht zwischen dem Film und dem, was er zeigt und der Tradition, die ihn hervorgebracht hat und von der er ein Teil sein wird. Darum erscheinen Filme wie 303 oder Mr. And Mrs. Iyer trotz all ihrer erfundenen Geschichten nahezu wie lebende Organismen. Wie gesagt – bei allem was ein Film wie 303 and Gedanken über die Welt oder an Erinnerungen hervorrufen kann – es läßt sich mit diesem Film auch wunderbar über das Kino philosophieren.

Die Straßen, die das Wohnmobil befährt, sind unzählige Male befahren, die Landschaften, die an dem Wohnmobil vorbeirauschen, tausendfach gesehen worden. Fast jeder kennt diesen Eindruck. 303 vermag es ohne erzwungene Originalität in jeder Einstellung dieses Wunder, das in meinen Erinnerungen gespeichert ist wieder lebendig werden zu lassen. Landschaften, Orte, Städte und Dörfer werden zu magischen Kinomomenten und es gibt nicht wenige Momente in diesem Film, die mich wieder zum staunenden Kind werden lassen. Dann kommt auch ganz schnell der Punkt, wo man dem Film blind vertraut. Und der Film lässt einen in dieser seltsamen Stimmung zwischen Wachen und Träumen. Man ist offen für alles, was dieser Film an Wundern noch bieten wird.

II.

Es gibt sehr lange Gespräche, oft auch kontroverse Diskussionen zwischen den beiden über Themen wie Kapitalismus und die Entfremdung, die er verursacht, über den Zustand der Menschheit von der Steinzeit bis heute, oder über die psychischen und vermeintlich hormonellen Mechanismen der Liebe. Dazwischen immer wieder Geschichten, die sie von sich selbst erzählen, die Stück für Stück das Mosaik dieser jungen Menschenleben zusammensetzen. Die Körpersprache der jungen Personen werden immer ungezwungener und entspannter. Die gesprochene Sprache und die nonverbale Sprache in Blicken und Gesten ergänzen sich gegenseitig. Es ist als öffnen sich Augen und Ohren für die Welt, die auf der Leinwand erscheint aber auch weit über die Begrenzungen erahnbar bleibt. Manche Gespräche sind sehr ernsthaft und oft in langen Einstellungen gefilmt. Manchmal aber können die Dialoge auch verspielt witzig sein. Doch immer wirken sie authentisch und nie ironisch distanziert. Allein wie sich die beiden von Anton Spieker und Mala Emde gespielten Charaktere annähern, ist ein filmisches Abenteuer für sich.

Und wenn der Abend kommt, ist es Zeit für gemeinsames Essen und Geschichten erzählen. Diese Momente haben etwas ursprüngliches, verweisen sie auf das uralte Bedürfnis , Geschichten von sich zu erzählen, aus denen ein Menschenleben schließlich besteht. In 303 erscheinen solche Augenblicke schon fast als mythische Momente die man im Kino kennt von John Ford bis Aparna Sen. Es sind oft einfache und alltägliche Momente in dem Film, die erscheinen so dicht, als wären sie bereits Erinnerungen an ein verlorenes Paradies.

Manchmal wird die Nähe zu den Figuren unterbrochen. Das sind kleine Momente, in denen die beiden Protagonisten sich uns entziehen. Einmal sieht man sie von hinten auf einer Bank sitzen, ein anderes Mal auf einem Felsbrocken stehend. Ihr Blick ist auf die Landschaft gerichtet wie auf eine imaginäre Leinwand. Auch das erinnert mich manchmal an die Filme von Aparna Sen. In den Momenten erscheinen sie fast so anonym wie der Kinozuschauer. Gleichzeitig scheinen sie fast unabhängig von uns und auch außerhalb der 145 Filmminuten zu existieren.Der Charme und die Frische des Films ist offensichtlich. Aber es gibt immer wider Momente, die erscheinen mir wie poetische Reflexionen zum Kino.

Ein wundervoller Moment, der mir sehr bezeichnend für die schlafwandlerische Schönheit des Films zu sein scheint: Einmal besichtigen Jule und Jan irgendwo in Südeuropa die uralte Malerei in einer eine Höhle der Cro-Magnon-Menschen. Vorher hatte Jule einen langen Vortrag über die Cro-Magnon Menschen gehalten. Jetzt sieht man die beiden diese wunderbare Malerei bestaunen. Das ist eine ganz unglaubliche Szene. Hier zeigt der Film, was Jule, Jan mit uns gemeinsam erleben. Sie blicken auf den Ursprung der Bilder, die Menschen von ihrer Welt gemacht haben. Die Höhlenmalerei wird zur Leinwand innerhalb der Leinwand. Man sieht nicht nur die beiden jungen Leute ein Wunder betrachten, dieser Augenblick wird selbst zu einem reinen Kinowunder, das mir unvergeßlich bleiben wird.

303 ist auch ein Film über die Entwicklung einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau. Zwar gibt es zwischen den beiden auch Momente von Liebe und Erotik, sie bleiben aber eine Möglichkeit von vielen. Diese erotischen Momente sind fein gestreut und manchmal eher erahnbar offensichtlich. Auch das hat 303 mit Aparna Sen´s Meisterwerk gemein. Der Austausch von Blicken zwischen Mala Emde und Anton Spieker ist fein aufeinander abgestimmt und ausbalanciert. Sie werden weder zu Blickobjekten des jeweils anderen noch des Zuschauers. Ist es doch gerade dieses „Boy meets Girl“-Element, das in Filmen oft sehr schnell aus der Balance gerät. So erscheint Mala Emdes Darstellung fast als deutsches Pendant zu Konkona Sensharma´s Darstellung in Mr. And Mrs. Iyer vor allem in ihren Blicken, die soviel erzählen, wofür es keine Worte gibt. Unter anderem auch deshalb ist 303 für mich das schönste Road Movie seit Mr. And Mrs. Iyer.

Wäre der Film eine Stunde länger, man würde es kaum bemerken. Das einzige, was mich an dem Film wirklich stört, ist, daß er irgendwann mal zu Ende sein wird. Und ohne das Ende vorweg zu nehmen, möchte ich nur soviel sagen. Es hält, was der Film die ganze Zeit verspricht. Der Film vermittelt eine selten friedliche Koexistenz zwischen dem, was er zeigen will und dem, was er hervorruft. Wie gesagt, 303 ist ein Film, der von Möglichkeiten erzählt, vor allem Möglichkeiten in menschlichen Beziehungen, Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu verändern. Und irgendwie werde ich auch das Gefühl nicht los, daß der Film auch eindrucksvoll zeigt, was im Kino immer noch möglich ist.

Immerhin, eine schöne Erinnerung an diesen Sommer 2018 wird mir bleiben, der Film 303 des Österreichers Hans Weingartner. Ich werde ihn noch öfter sehen.

Rüdiger Tomczak

 

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