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I

Das sind Dinge, die man entdeckt, wenn man in die Welt hinaus wandert: indem man das Leben anderer Menschen kennenlernt, beginnt man das eigene in einem neuen Licht zu sehen.“ (aus dem Roman Geh, zügle den Sturm von Joan Aiken)

Ich bin einer seltsamen Intuition gefolgt als ich mir den Film in einem der schönsten Filmtheater in Berlin, dem „International“ zum ersten Mal angeschaut habe. Ich hatte nicht erwartet, daß mich der Film so bezaubern, berühren und nachhaltig beschäftigen sollte. Ich mußte mir 303 kurz danach ein zweites Mal ansehen.

Der Film ist vor allem ein Road Movie, jene nicht so eindeutig zu definierende Genremischung, wo die Filme gleichbedeutend sind mit den Reisen (den geographischen wie den seelischen), von denen ihre Bilder erzählen. Natürlich ruft das in mir zuerst einmal Erinnerungen an Reisen hervor, die ich selbst einmal gemacht habe wie etwa endlos lange Autofahrten mit Freunden in Frankreich oder Kanada. Gleichzeitig haben diese Filme auch immer mit meiner Liebe zum Kino zu tun. Oft sind es ein Zug, ein Auto, oder wie hier ein altes Mercedes-Wohnmobil, die als Metapher für die Maschinen stehen, mit denen Filme gemacht und projiziert werden. Doch zunächst einmal sind es Erinnerungen an meine Campingreisen, die der Film in mir hervorruft. Das war in einer Zeit, als die beiden jungen Hauptdarsteller noch nicht einmal geboren worden sind. Das alte Campingmobil soll 30 Jahre alt sein und es verbindet mich auf seltsame Weise mit den jungen Leuten, die meine Kinder sein könnten.

Dieses seltsame Gefühl von Erwartung vor einer langen Reise, das Versprechen von Freiheit und unendlichen Möglichkeiten kam zurück und hat mich, während ich den Film sah, gefühlte 30 Jahre jünger gemacht. Der Film und die Metapher für seine Maschinen sind für mich zur Zeitmaschine geworden, nicht allein in dem, was sie zeigen sondern auch in dem, was sie in mir hervorrufen.

Es gibt sehr viele Dialoge in diesem Film, die Weingartner über Jahre hinweg aus unzähligen Videointerviews mit jungen Leuten herausgearbeitet hat. Man kann es in vielen Interviews mit Weingartner nachlesen. Die Dialoge sind vorgegeben wie wie ein Rahmen, der dennoch niemals starr und unbeweglich erscheint. Sie wirken auch niemals künstlich oder gewollt, sondern wie gedacht, gefühlt und ausgesprochen von den jeweiligen Darstellern.

Das gilt auch für die Geschichte einer Reise, die genau so geplant und vorbereitet wurde. Doch auch hier ist die Wirkung fast entgegengesetzt. Es scheint als habe Weingartner einige Situationen entworfen, aus der sich alles weitere wie von selbst entwickeln wird:

  1. Jule ist Biologiestudentin. Gerade ist sie durch eine Zwischenprüfung gefallen. Im übrigen weiß sie, daß sie seit ein paar Wochen schwanger ist. Also steigt sie in das Campingmobil, das sie von ihrem toten Bruder geerbt hat und bricht auf nach Portugal, um ihren Freund über ihre Schwangerschaft zu informieren.
  2. Jan ist Politikwissenschaftsstudent und hat dieses Semester ebenfalls nicht allzu erfolgreich abgeschlossen. So will er sich per Anhalter und Bus auf den Weg nach Spanien machen, um seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Nach erfolglosem Bemühen eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, trifft er auf einer Raststätte Jule, die ihn ein Stück mitnehmen will. Doch schon bald streiten sie sich nach einem scheinbar unverfänglichen Gespräch und trennen sich wieder.
  3. Der dritte erzählerische Ausgangspunkt, wenn wir wollen, die dritte Eröffnungsszene, findet erneut auf einem Rastplatz statt. Zwar hat Jan eine andere Mitfahrgelegenheit gefunden, hat aber sein Handy in Jules Auto vergessen. Tatsächlich sieht er ihren Campingbus auf diesem Rastplatz, klopft an und verhindert im letzten Moment, daß Jule von einem aufdringlichen Fremden vergewaltigt wird. Von jetzt an setzen sie die Reise wieder zusammen fort. Und genau von her an scheint der Film sich wie von selbst weiterzubewegen, ohne große Wendungen und so zuverlässig wie das alte Wohnmobil. Die Geschichte der Reise von Jule und Jan kann jetzt in Ruhe vor sich hin fließen.

Das ist sehr ähnlich wie in einem anderen grossen Road Movie, Aparna Sen´s Mr. And Mrs. Iyer. Beide, Aparna Sen wie Hans Weingartner spielen mit Traditionen und Konventionen des Road Movies, entwickeln aber daraus sehr schnell frei von Zitatensammlungen und Referenzen ihre ganz eigene Handschrift. Filmgeschichte wird nicht geplündert, sondern ein sehr vielschichtiger Dialog entsteht zwischen dem Film und dem, was er zeigt und der Tradition, die ihn hervorgebracht hat und von der er ein Teil sein wird. Darum erscheinen Filme wie 303 oder Mr. And Mrs. Iyer trotz all ihrer erfundenen Geschichten nahezu wie lebende Organismen. Wie gesagt – bei allem was ein Film wie 303 and Gedanken über die Welt oder an Erinnerungen hervorrufen kann – es läßt sich mit diesem Film auch wunderbar über das Kino philosophieren.

Die Straßen, die das Wohnmobil befährt, sind unzählige Male befahren, die Landschaften, die an dem Wohnmobil vorbei rauschen, tausendfach gesehen worden. Fast jeder kennt diesen Eindruck. 303 vermag es ohne erzwungene Originalität in jeder Einstellung dieses Wunder, das in meinen Erinnerungen gespeichert ist wieder lebendig werden zu lassen. Landschaften, Orte, Städte und Dörfer werden zu magischen Kinomomenten und es gibt nicht wenige Momente in diesem Film, die mich wieder zum staunenden Kind werden lassen. Dann kommt auch ganz schnell der Punkt, wo man dem Film blind vertraut. Und der Film lässt einen in dieser seltsamen Stimmung zwischen Wachen und Träumen. Man ist offen für alles, was dieser Film an Wundern noch bieten wird.

II.

Es gibt sehr lange Gespräche, oft auch kontroverse Diskussionen zwischen den beiden über Themen wie Kapitalismus und die Entfremdung, die er verursacht, über den Zustand der Menschheit von der Steinzeit bis heute, oder über die psychischen und vermeintlich hormonellen Mechanismen der Liebe. Dazwischen immer wieder Geschichten, die sie von sich selbst erzählen, die Stück für Stück das Mosaik dieser jungen Menschenleben zusammensetzen. Die Körpersprache der jungen Personen werden immer ungezwungener und entspannter. Die gesprochene Sprache und die nonverbale Sprache in Blicken und Gesten ergänzen sich gegenseitig. Es ist als öffnen sich Augen und Ohren für die Welt, die auf der Leinwand erscheint aber auch weit über die Begrenzungen erahnbar bleibt. Manche Gespräche sind sehr ernsthaft und oft in langen Einstellungen gefilmt. Manchmal aber können die Dialoge auch verspielt witzig sein. Doch immer wirken sie authentisch und nie ironisch distanziert. Allein wie sich die beiden von Anton Spieker und Mala Emde gespielten Charaktere annähern, ist ein filmisches Abenteuer für sich.

Und wenn der Abend kommt, ist es Zeit für gemeinsames Essen und Geschichten erzählen. Diese Momente haben etwas ursprüngliches, verweisen sie auf das uralte Bedürfnis , Geschichten von sich zu erzählen, aus denen ein Menschenleben schließlich besteht. In 303 erscheinen solche Augenblicke schon fast als mythische Momente die man im Kino kennt von John Ford bis Aparna Sen. Es sind oft einfache und alltägliche Momente in dem Film, die erscheinen so dicht, als wären sie bereits Erinnerungen an ein verlorenes Paradies.

Manchmal wird die Nähe zu den Figuren unterbrochen. Das sind kleine Momente, in denen die beiden Protagonisten sich uns entziehen. Einmal sieht man sie von hinten auf einer Bank sitzen, ein anderes Mal auf einem Felsbrocken stehend. Ihr Blick ist auf die Landschaft gerichtet wie auf eine imaginäre Leinwand. Auch das erinnert mich manchmal an die Filme von Aparna Sen. In den Momenten erscheinen sie fast so anonym wie der Kinozuschauer. Gleichzeitig scheinen sie fast unabhängig von uns und auch außerhalb der 145 Filmminuten zu existieren.Der Charme und die Frische des Films ist offensichtlich. Aber es gibt immer wider Momente, die erscheinen mir wie poetische Reflexionen zum Kino.

Ein wundervoller Moment, der mir sehr bezeichnend für die schlafwandlerische Schönheit des Films zu sein scheint: Einmal besichtigen Jule und Jan irgendwo in Südeuropa die uralte Malerei in einer eine Höhle der Cro-Magnon-Menschen. Vorher hatte Jule einen langen Vortrag über die Cro-Magnon Menschen gehalten. Jetzt sieht man die beiden diese wunderbare Malerei bestaunen. Das ist eine ganz unglaubliche Szene. Hier zeigt der Film, was Jule, Jan mit uns gemeinsam erleben. Sie blicken auf den Ursprung der Bilder, die Menschen von ihrer Welt gemacht haben. Die Höhlenmalerei wird zur Leinwand innerhalb der Leinwand. Man sieht nicht nur die beiden jungen Leute ein Wunder betrachten, dieser Augenblick wird selbst zu einem reinen Kinowunder, das mir unvergeßlich bleiben wird.

303 ist auch ein Film über die Entwicklung einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau. Zwar gibt es zwischen den beiden auch Momente von Liebe und Erotik, sie bleiben aber eine Möglichkeit von vielen. Diese erotischen Momente sind fein gestreut und manchmal eher erahnbar als offensichtlich. Auch das hat 303 mit Aparna Sen´s Meisterwerk gemein. Der Austausch von Blicken zwischen Mala Emde und Anton Spieker ist fein aufeinander abgestimmt und ausbalanciert. Sie werden weder zu Blickobjekten des jeweils anderen noch des Zuschauers. Ist es doch gerade dieses „Boy meets Girl“-Element, das in Filmen oft sehr schnell aus der Balance gerät. So erscheint Mala Emdes Darstellung fast als deutsches Pendant zu Konkona Sensharma´s Darstellung in Mr. And Mrs. Iyer vor allem in ihren Blicken, die soviel erzählen, wofür es keine Worte gibt. Unter anderem auch deshalb ist 303 für mich das schönste Road Movie seit Mr. And Mrs. Iyer.

Wäre der Film eine Stunde länger, man würde es kaum bemerken. Das einzige, was mich an dem Film wirklich stört, ist, daß er irgendwann mal zu Ende sein wird. Und ohne das Ende vorweg zu nehmen, möchte ich nur soviel sagen. Es hält, was der Film die ganze Zeit verspricht. Der Film vermittelt eine selten friedliche Koexistenz zwischen dem, was er zeigen will und dem, was er hervorruft. Wie gesagt, 303 ist ein Film, der von Möglichkeiten erzählt, vor allem Möglichkeiten in menschlichen Beziehungen, Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu verändern. Und irgendwie werde ich auch das Gefühl nicht los, daß der Film auch eindrucksvoll zeigt, was im Kino immer noch möglich ist.

Immerhin, eine schöne Erinnerung an diesen Sommer 2018 wird mir bleiben, der Film 303 des Österreichers Hans Weingartner. Ich werde ihn noch öfter sehen.

Rüdiger Tomczak

 

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Ein Zug fährt von rechts nach links. Langsam und schwerfällig, eine Kurve beschreibend, bewegt er sich auf den Schienen, die ihn stur in eine Richtung führen. Wenig später betritt ein alter Mann ein Haus. Von einem Plattenspieler ist ein Lied zu hören, während Rajat, der Bewohner dieses Hauses auf dem Dach seine Habseligkeiten sortiert. Der Fremde überreicht ihm ein Bündel mit seltsamen Dokumenten und Fotografien von einer Frau und einem Kinderfoto des von Rajat. Sowie ein Eisenbahngleis manchmal in ein undurchschaubares Netz von Gleisen mündet, das sich in verschiedenen Richtungen verzweigt, beginnt sich der Ausgang einer ganz gewöhnlichen Geschichte in viele mögliche aufzulösen.
Rajat entführt mit einem Taxifahrer und einem Maler einen kleinen Jungen. Mit einem Auto fahren sie abgelegene Landstraßen entlang. Dabei begegnen sie verschiedenen Personen, die die Bewegung der Reise unterbrechen und durch ihre Präsenz die Geschichte für einen Moment in den Hintergrund treten lassen: Eine einsame Frau, die in einer Baracke an der Straße Tee und Nahrung verkauft, ein Mann mit einem spastisch gelähmten Kind, und ein gefesselter Mörder, der seine ganze Familie umgebracht hat.
Tagebuchaufzeichnungen Rajats, aus dem Off zitiert, die für sich schon eine Übereinanderlagerung von verschiedenen Zeitebenen sind. Völlig unvermittelt bricht an einigen Stellen die Tonspur ab, um ebenso überraschend wieder einzusetzen. Die Montage isoliert hier die einzelnen Sequenzen, läßt ihre Verknüpfungen als nicht zwangsläufig erscheinen. Kahini erscheint wie eine konventionell erzählte Geschichte, deren Verbindungselemente sich bereits zersetzt haben. In Wahrheit aber ist jeder Schnitt sehr präzise in seiner Absicht, die Kontinuität zu hinterfragen oder aufzulösen. Die Verwirrung, die entsteht, gleicht jener merkwürdigen Faszination, die es ist, beim Sehen eines Filmes oder dem Lesen eines Buches von Müdigkeit heimgesucht zu werden. Man ist unfähig kleinsten Zusammenhängen zu folgen. Der Film scheint sich völlig in seinen Momenten auszulösen, die ein größeres Gewicht bekommen, als die Handlung. An einer Stelle des Films sagt jemand in dem Vorführraum eines Kinos: „Schlaf und Kino haben etwas gemeinsam. Beide sehnen sich nach Dunkelheit.“
Am Ende kehrt der Film wieder an seinen Anfang zurück. Rajat betrachtet die Fotografien, die ihm der Fremde gebracht hat. Sein Kinderfoto erweist sich als identisch mit dem des entführten Jungen. Der Film könnte anders strukturiert noch einmal von neuem beginnen. So erscheint er jetzt als ein Geflecht von verwirrenden und widersprüchlichen Gedankengängen eines Schriftstellers, der versucht aus Fragmenten seiner Biographie eine erfundene Geschichte zu erzählen. Für Malay Bhattacharia ist Montage auch gleichzeitig eine Kunst des Sehens und weniger eine technische Möglichkeit des Filmemachens.

Rüdiger Tomczak

 

 

EIN GESPRÄCH MIT MALAY BHATTACHARIA

 


Mich würde interessieren, welchen Anteil die Arbeitsphasen des Drehbuches, der Inszenierung und der Montage an der Konstruktion ihres Films hatten.


M.B:Zuerst einmal zur Konstruktion des Drehbuches: Man sieht, daß hier nur eine sehr dünne Erzählung existiert. Zunächst geht es um eine Entführung. Die ist so etwas wie das strukturelle Rückgrat. Wir haben das dann ausgenutzt, um unser Thema auf dieser narrativen Struktur aufzubauen. Zuerst einmal hat das bei einigen Zuschauern Interesse an dem Film geweckt. Wir hätten die erzählerischen Elemente auch ganz vermeiden können. Aber das ist so eine Bedingung für uns Filmemacher und so haben wir einen Kompromiß gemacht, um auf dieser Basis den Film zu entwickeln. Die Arbeit an dem Drehbuch nahm die meiste Zeit in Anspruch.
Während der Dreharbeiten haben wir den Film erneut weiterentwickelt. Ich war darauf vorbereitet, aus jeder Situation heraus das Beste zu erreichen. Es hat die ganze Zeit Improvisationen gegeben. Wir sind niemals vom Thema abgewichen, haben aber sogar während der Montage noch improvisiert. Einige Dinge haben wir weggelassen und andere Szenen, die sich nicht explizit auf das Thema beziehen, drinnen gelassen.


Sie haben einmal so etwas ähnliches gesagt, wie, daß die Zuschauer beim Sehen ihren eigenen Film machen, oder präziser: daß sie ihn für sich selbst ganz neu schneiden.


Das hat mit meiner eigenen Erfahrung, wenn ich einen Film sehe, der mich inspiriert, zu tun. Da gibt es dann plötzliche Anstöße, die mich den Film weiterentwickeln lassen. Ich habe dann meinen Film mit offenen Räumen gemacht, wo die Zuschauer mit ihren kreativen Fähigkeiten einsteigen können. Ich meine, daß jeder Zuschauer seine eigene Kreativität hat. Das ist natürlich von Person zu Person verschieden. Diese Öffnung ist direkt in den Film implantiert. Erst dann wird es ein ganzer Film, denn der Zuschauer ist ein Element. Man kann ihn nicht von dem Film trennen. Das ist ein großer Kreis. Der Film ist noch in dem Produktionsstadium, wenn er auf der Leinwand zu sehen ist. Durch die Beteiligung des Zuschauers schließt sich der Kreis. Als ich den Film beendet hatte, fühlte ich mich ziemlich hilflos. Ich war viel zu sehr in die gesamte Technik der Herstellung verwickelt, als daß er mir hätte neue Ideen eröffnen könnte. Das braucht seine Zeit. Das delegiere ich dann an die Zuschauer weiter. Feedback und neue Inspirationen von meinem Film bekomme ich dann durch die Reaktionen der Zuschauer. Dann erst ist der Film auch für mich komplett. In meinem Film gibt es einen Moment, wo Rajat in eine Telefonzelle geht und eine Nummer wählt. Das Publikum denkt sofort, daß es sich hier um eine Entführungsstory handelt. Man denkt, daß er Lösegeld fordert. Basierend darauf sind wir dann unseren eigenen Weg gegangen. Hier treffe ich mich mit meinem Publikum, wenn auch auf verschiedenen Ebenen. Es geht eigentlich überhaupt nicht um Kidnapper oder Lösegeld.


Neben dem Aspekt Film und Reaktion des Publikums, gibt es ein anderes faszinierendes Element in dem Film. Ich denke da an den Satz. „Kino und Schlaf haben etwas gemeinsam. Beide sehnen sich nach der Dunkelheit.“ Das erinnert mich an die Situation, wenn man während eines Filmes sehr müde wird, kaum noch einer Geschichte folgen kann und jeder einzelne Moment plötzlich ein großes Gewicht bekommt.


Ja, ich habe sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Es gibt Bilder, die bringen dich zu einer ganz anderen Geschichte, die nicht unbedingt in den Kontext der Filmstory gehört.


Bei vielen asiatischen Regisseuren, die eigentlich sehr wenig oder kaum filmtheoretische Essays verfaßt haben, finde ich dennoch neben Poesie auch oft, direkt in den Bildern sehr viele Gedanken über das Kino.


Das ist eine sehr interessante Beobachtung. Meine Ideen über das Kino sind auch reflektiert in dem Film, wie ich ihn strukturiert habe. Die Zahl drei spielt eine wichtige Rolle in meinem Film. Die drei Personen, der Intellektuelle, der Taxifahrer und der Maler. Das sind eigentlich drei Aufspaltungen von ein und derselben Person. Wir haben die drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder Realität, Imagination und Absurdität. Alle diese Elemente durchdringen oder berühren sich gegenseitig. Wir haben versucht, den Eindruck zu vermitteln, daß die drei Charaktere in der Zeit umhertreiben. Das kann in jeder Zeit stattfinden, Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Wie in der Wirklichkeit kann man diese Perioden nicht wirklich voneinander trennen. Wir treiben in Imagination, Nostalgie, Erinnerungen und Tagträumen. Ich möchte den Zuschauer dazu bringen, sich seine eigene Geschichte zusammenzustellen. Ich denke, das ist ein sehr kinematografisches Experiment und eine Erfahrung, die nur im Kino möglich ist. Meine persönliche Vorstellung vom Leben ist, daß es hier nie eine komplette Geschichte gibt. Es gibt Teile von Geschichten, die eine Tendenz haben sich zu verbinden, sich aber nie zu einer Geschichte vervollständigen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Rüdiger Tomczak, 17.2. 1997, Hotel Savoy

Erstveröffentlichung shomingeki Nr. 4, Juli 1997

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 you will find The English version here  with added comments.

Grün und gelb leuchten die Reisfelder. Nham, ein Siebzehnjähriger arbeitet mit anderen in einer Ziegelbrennerei. Man sieht ihm bei der Arbeit zu, wie er schwitzt und keucht. Danach legt er sich erschöpft auf die Ziegel. Die anderen, ebenfalls müde von der Arbeit, versammeln sich erst einmal, um sich zu entspannen. Den Lohn, den er bekommt, gibt er seiner Schwägerin. Da läuft er auf dem Feld nach Hause, das jetzt fast das ganze Bild füllt. Der Rahmen des Films, das ist vor allem das Ernten und Pflanzen der Reisfelder. Ehrfürchtig pflückt er eine Reisähre, schmeckt sie und blickt in den blauen Himmel, wo ein Flugzeug vorbeifliegt.

Nhams Vater ist im Krieg gefallen. So lebt er mit seiner Mutter, seiner kleinen Schwester und der Schwägerin Ngu zusammen. Der Bruder ist fortgezogen, um irgendwo Arbeit zu finden. Hin und wieder erhält Ngu einen Brief von ihm, der sie vermutlich nur hinhält, und ihr schreibt, daß er vorerst nicht heimkehrt. Nham liebt Gedichte, und arbeitet mit seiner Familie in den Reisfeldern. Zwischen ihm und seiner Schwägerin existiert eine nie ausgesprochene Liebe. Aus dem Off kommentiert er den Film als etwas bereits Vergangenes. Die Wahrnehmung des sensiblen Heranwachsenden gleicht der von Harriet in Jean Renoirs The River. In seinem Erleben treffen sich eine Vielzahl von komischen und traurigen Episoden aus dem Leben der Dorfgemeinschaft. Beiläufige Anekdoten durchdringen die subjektive Erzählung Nhams: Eine Fernsehantenne wird auf dem Dach einer Hütte montiert. Kinder mokieren sich über eine Fernsehsendung, in der Frauen die neueste Bademode präsentieren. Ein Schwein läuft in der Küche herum. Bauern unterhalten sich über das Leben in der Stadt. Scheinbar nebensächliche Ereignisse wuchern regelrecht um den Handlungsstrang. So wie ein Kind aufgeregt von erlebten Dingen erzählt, scheint der Regisseur nicht in der Lage zu sein, von den Nebensächlichkeiten abzulassen, die um Nhams Geschichte herum passieren.

Nham fährt mit dem Rad zum Bahnhof um eine junge Frau aus der Nachbarschaft abzuholen, die vor Jahren aus Vietnam geflohen ist. Manchmal begleitet ihn die Kamera aus der Nähe, ein anderes Mal beobachtet sie seine Fahrt aus der Distanz. Einmal ist der Blick absorbiert von den Bewegungen, ein anderes Mal bleibt er auf Distanz. Das verflacht manchmal den filmischen Raum wie zu einem Rollbild.

Quyen, die Besucherin, kehrt in das Dorf ihrer Kindheit zurück. Sie trägt eine Sonnenbrille und hebt sich ab von den Dorfbewohnern wie eine Ausländerin. Sie sagt, daß sie das Land verlassen habe, um ihrem Ehemann zu entkommen. Wenn sie von einem Flüchtlingslager in Honkong erzählt, dem sie nur durch eine Heirat mit einem Amerikaner entkam, denke ich an die Bootsflüchtlinge, die massenweise Vietnam verlassen mußten. Das Dorf erscheint fast als ein utopischer Ort, in dem sich Freuden und Leiden eines ganzen Volkes versammeln: eine Witwe, die über ihren im Krieg gefallenen Mann trauert, und die Auslandsvietnamesin Quyen, die von ihrer Kindheit träumt. Es geht um das Zurückkehren zur Erde in einer Welt des Fortschritts, der hier nur in kleinen Zeichen eindringt. Quyen, die Fremde, an die sich kaum einer erinnert, entdeckt ihre Heimat wieder und erkennt gleichzeitig die Entfremdung von ihr.

Ich war seltsam berührt von der Art, wie die Menschen die Dinge berühren oder sich manchmal auch nur durch das Haar streichen. Die Technik dieses Films selbst erscheint vollkommen hinter dem zurückzutreten, was man sieht. Manchmal schweift ein Blick zum Fluß, auf dem ein Boot treibt oder in dem Kinder baden. Ein anderes Mal sieht man, wie sich die Pflanzen im Wind bewegen. Vergleichbare Bilder im europäischen Film finde ich auch hier nur in einem Film von Jean Renoir, Une partie de campagne.Auch die Identität des Erzählers Nham scheint sich oft aufzulösen in seine Begegnungen mit den Geschichten der anderen, und vor allem in seinen sinnliche Empfindungen. In einer Szene beobachtet Nham heimlich Quyen, die im Fluß badet. Da nimmt er eines ihrer Kleidungsstücke um daran zu riechen. Als die Frau ihn bemerkt, rennt er erschreckt fort, in den Feldern verschwindend.

Ein rituelles Fest, den Ahnen gewidmet, mit Tänzen und Gebeten. Am Abend dannach wird ein hinreißendes Puppenspiel aufgeführt. Männer, die sich hinter einem Vorhang verbergen, lassen die Puppen auf dem Wasser tanzen. Man sieht die faszinierten Blicke von Kindern und Erwachsenen. In diesem Moment denke ich nicht an den Kontext dieses wunderschönen Schauspiels und einer mir fremden Kultur. Da fühle ich mich erinnert an das erste Puppenspiel, dem ich in meinem Leben zugesehen habe.

Es gibt zwei Szenen, an die ich mich besonders stark erinnere. Das sind eindrucksvolle Momente, die zeigen, daß wahre Erotik immer den größtmöglichen Respekt vor der Schöpfung bedeutet. Ngu, die einsame Schwägerin wirft sich in einem Moment der Verzweiflung um Nhams Hals. Er erwidert diese Umarmung. Eine Weile stehen sie, eng umschlungen. Erschrocken durch die unerwartete Ejakulation Nhams, weicht sie plötzlich zurück. Da sieht man Nham, wie er erstaunt und ein wenig verstört die Spermaflüssigleit an seinen Fingern fühlt. In einer anderen, der zärtlichsten Szene, entdecken Nham und seine Schwägerin ein Nest mit winzigen Jungvögeln. Ngu streichelt sie und ihre Zunge berührt sich mit dem kleinen Schnabel eines Vogels. Dabei lacht sie und singt ein Lied wie ein Kind, das ganz mit sich selbst beschäftigt ist. In Dhang Nhat Minhs Film ist ein fast physisches Empfinden für die zärtliche Liebkosung von Körpern zu spüren.

Betrunkene Lastwagenfahrer verursachen den Tod zweier Kinder, unter ihnen Minh, die kleine Schwester Nhams. Da dringt der Tod mit aller Gewalt in die Welt des sensiblen Jungen ein. Von da an erscheint der Film wie ein unendlich trauriger Abschied. In einer Vision sieht Quyen, die am Bahnhof auf ihre Abreise wartet, ein Boot auf dem die beiden toten Mädchen stehen und ihr zuwinken. Sie verabschiedet sich von Nham. Der blickt dem abfahrenden Zug noch lange hinterher. Für Nham ist Heimat etwas konkretes, sinnlich erfahrbares, für Quyen, die Exilantin mit dem traurigen Lächeln, bleibt sie nicht mehr als ein verlorener Traum.

Nham muß am Ende des Films seinen Militärdienst ableisten. Auf einem Transportfahrzeug zwischen anderen Soldaten sitzend, schreibt er folgende Sätze auf einen Zettel: Mein Name ist Nham. Ich vermisse mein Dorf. Aber ich werde bald zurückkehren. Da wirft er das Stück Papier aus dem Fahrzeug. In einer Einstellung sieht man die schweren Reifen des Wagens auf einer gepflasterten Straße, die sich bedrohlich zwischen ihn und seine geliebte Erde drängen. Der Zettel schwebt durch die Luft. Die Liebeserklärung Nhams an seine Heimat ist verloren. Auf einem Reisfeld steht Ngu, die Reissetzlinge pflanzt. Mit einem Bambushut auf dem Kopf und tief gebückt, verrichtet sie die Arbeit, von der das Leben dieser Dörfer abhängt, dann friert das Bild plötzlich ein.

Thuong Nho Dong Que ist ein merkwürdiger Film. Bis auf ein paar auffällige Kunstgriffe und wenige Einstellungen habe ich seine Form fast völlig vergessen. Da ist so viel Zärtlichkeit für seine Personen und Aufmerksamkeit den kleinsten Dingen gegenüber, an der jede Analyse scheitern muß. Das, was ich gesehen habe und fast glaubte berührt zu haben, erscheint mir wie eine persönliche Erinnerung, für die ich selbst eine Form finden muß. Das Wunder dieses Films ist die Sehnsucht, die er hervorruft, diese Welt mit allen Sinnen des Körpers wiederentdecken zu wollen.

Rüdiger Tomczak

Hier sind alle meine Texte über Dang Nhat Minh in VIETNAMESISCH zu lesen.

   (shomingeki Nummer 4, vergriffene Ausgabe)